Wie Corona den Tourismus verändert – Ein Blick auf das Jahr 2021 und die Zeit danach.

Einschätzungen von Cornelius Obier, Andreas Reiter und Maik Zießnitz

Das Jahr 2021 wurde von vielen sehnlichst erwartet, verheißt die Zulassung mehrerer Corona-Impfstoffe­­ doch nun endlich Grund zur Hoffnung auf ein Ende der Pandemie. Jedoch zeigen sich Anfang des Jahres neue Herausforderungen: weiterhin starke Fallzahlen, verbunden mit einem nur eingeschränkt wirksamen Lockdown, der schleppende Impfstart, die Bedrohung durch neue Virusmutationen. Die Corona-Pandemie wird unser Leben im Allgemeinen und den Tourismus im Speziellen voraussichtlich noch im gesamten Jahr 2021, vor allem in der ersten Hälfte, begleiten.  Dennoch ist – mit den aktuell bekannten Informationen – davon auszugehen, dass das Leben und somit auch das Reisen sich nach und nach wieder normalisieren wird. Dieser Artikel gibt einen Überblick zur möglichen Entwicklung des Tourismusjahres 2021, den weiterhin zu beobachtenden Faktoren für die aktuelle Entwicklung sowie langfristig durch die Pandemie ausgelöste bzw. verstärkte Tendenzen und Entwicklungen.

Tourismusentwicklung im Corona-Jahr 2021

Die folgenden Überlegungen sind unter der Annahme zu verstehen, dass es nicht zum Auftreten und zur Verbreitung von Mutationen kommt, welche die Infektiosität substanziell erhöhen, die Sterblichkeitsrate verändern oder die Impfstoffe einschränkt bzw. nicht hinreichend wirksam machen. Auch wird angenommen, dass es gelingt, das Ausrollen des Impfstoffs in der Bevölkerung so zu organisieren, dass spätestens im Laufe des 3. Quartals der gesamten Bevölkerung ein Impfangebot gemacht werden kann, welches von dieser mit einem ausreichenden Anteil wahrgenommen wird, so dass sich das Virus nach und nach austrocknen lässt. Maßgeblich wird hierbei die Impfbereitschaft der Bevölkerung sein, basierend auf dem Vertrauen in die Wirkung und allgemeiner Akzeptanz abhängig von Transparenz und Sicherheit, Nebenwirkungen und Langzeitsicherheit. Mit diesen Annahmen ist im Jahr 2021 die Entwicklung des Tourismus in folgenden drei Phasen denkbar.

Phase 1 „Freezing“ (2020 bis Ende Q1/21)

  • Rahmenbedingungen: weit reichender Lockdown, Tourismus geschlossen oder zumindest substanziell eingeschränkt
  • Nachfrage: weitgehend durch die Reisebeschränkungen bestimmt
  • Märkte: starke Einschränkungen bei Tagesausflügen, Geschäftsreisen in geringem Maße, Leisure-Übernachtungsreisen kaum zu erwarten, nahezu kein Incoming-Tourismus

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Phase 2 „Co-Existenz“ (Q2 bis Q3/21)

  • Rahmenbedingungen: Lockdown weitgehend aufgehoben, Impfstoff zunehmend ausgerollt, Schnelltests werden zum Standard, Teststrategien und angepasste Schutz- und Hygienekonzepte im Tourismus, ggf. Reisen mit Immunitäts-/Impfnachweis
  • Nachfrage: zunehmend gelassenerer Umgang mit Covid-19, kuratierte Sorglosigkeit, Serotonin statt Endorphin, mehr Lebensintensität, Reisebeschränkungen nach wie vor relevant, bestimmen jedoch immer weniger die Reiseentscheidung
  • Märkte: Tagestourismus kehrt zurück, Geschäftsreisen laufen wieder an, kleinere MICE-Formate, nationale Quellmärkte für Leisure-Übernachtungsreisen v.a. im Sommer sehr stark
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Phase 3 „Großes Kino“ (ab Q4/2021)

  • Rahmenbedingungen: Impfstoff ausgerollt, Impfstatus der Bevölkerung bei 60-70%, Nachweis des Impfstatus wird relevant, Schnelltests zum Ausschluss von Risiken, deutlich mildere Reisebeschränkungen, Planungssicherheit kehrt zurück (schon ab Q3)
  • Nachfrage: Socio Pleasure, Events, MICE; Nachtleben, erhebliche Nachholeffekte, auch hinsichtlich Outgoing-Tourismus  
  • Märkte: deutlicher mehr Tagestourismus, Geschäftsreisen pendeln sich auf verändertem Niveau ein (s.u.), nationale Quellmärkte für Leisure-Übernachtungsreisen bleiben auf hohem Niveau, schrittweise Rückkehr internationaler Quellmärkte (siehe Einschätzungen der DZT)
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Empfehlungen – was kurzfristig zu tun ist:

  • Stufenpläne mit Schutz- und Hygienebestimmungen aktualisieren: Vorausgesetzt der Impfstoff wird planmäßig über das Jahr verteilt und entfaltet ausreichend Infektionsschutz, kann ab dem Frühjahr mit ersten Lockerungen des Tourismus gerechnet werden, bevor im Herbst eine langsame Rückkehr zur Normalität zu erwarten ist. Für das erneute „Hochfahren“ des Tourismus sollten die im Frühjahr 2020 erarbeiteten Stufenpläne für Schutz- und Hygienebestimmungen in den Destinationen und Betrieben aktualisiert und angepasst werden.
  • Teststrategien entwickeln: Neben der anlaufenden Durchimpfung werden weiterhin die bekannten Maßnahmen und Vorkehrungen zur Eindämmung des Infektionsgeschehen notwendig sein (AHA, Lüften, Kontaktreduktion, Testungen und Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten etc.). Diese werden uns in unterschiedlicher Intensität noch das gesamte Jahr begleiten. Daher ist es in besonderem Maße empfehlenswert, Teststrategien für Mitarbeitende im Tourismus sowie Gäste zu erarbeiten. Diese können als Brückenlösungen dazu dienen über erhöhte, gezielt eingesetzte Testkapazitäten das Infektionsrisiko zu senken.
  • Recovery-Kampagnen vorbereiten: Wann genau „es wieder los geht“ mit dem Tourismus, kann angesichts der geschilderten Unsicherheiten im Moment niemand genau sagen. Daher sollten Recovery-Kampagnen jetzt (Ende Q1) mit verschiedenen Szenarien agil vorbereitet werden, so dass sie ggf. sehr zügig und variabel platziert werden können. Im Bereich der Angebots- und Produktmanagements gilt es mit großer Flexibilität, je nach Öffnungszeitraum Erlebnisse mit entsprechenden Schutz- und Hygienemaßnahmen vorzubereiten.
  • Betriebe und Partner informieren und einbinden: Im ersten Lockdown haben sich die Destinationen auf der Landes-, der regionalen und der lokalen Ebene teils stark engagiert, um Leistungsanbieter und Partner zu informieren und einzubinden. Dieser Prozess sollte nicht nachlassen, sondern angesichts der zu erwartenden Entwicklungen im Laufe des Jahres wieder angeschoben bzw. deutlich intensiviert werden.

Dauerhafte Entwicklungen – ausgelöst und verstärkt durch die Corona-Pandemie

Ungeachtet der genauen Entwicklung der Pandemie im Jahr 2021 werden ihre Auswirkungen unser Reiseverhalten und den Tourismus auch weit über das Jahr 2021 hinaus und dauerhaft verändern. Hierzu haben alle Experten Konsens. Im Detail sind folgende Entwicklungen zu beobachten, welche auch nach der Corona-Pandemie zum Tragen kommen werden:

  • Smarte Services: Die durch die Pandemie befeuerte Entstehung digitaler Angebote und Anwendungen, z.B. im Bereich Kunst, Kultur oder im Arbeitsalltag, werden auch über die Pandemie hinaus wichtiger Bestandteil des touristischen Gesamterlebnisses bleiben und analoge Erlebnisse ergänzen. Die Digitalisierung des Tourismus erfährt durch die Pandemie eine dringend erforderliche und deutliche Beschleunigung und fördert Entwicklungen z.B. zu smarter Besucherlenkung / Predictive Visitor Management, welche während und nach der Pandemie helfen Tourismus auszubalancieren.
  • Nachhaltigkeit: Auch diese Entwicklung war bereits vor der Pandemie stark wirksam, wird nun jedoch nochmals deutlich verstärkt: Ausgewogener, nachhaltiger Tourismus mit entsprechenden Angeboten wird künftig zur Prämisse werden. Die Pandemie hat uns einmal mehr vor Augen geführt, dass ein „Weiter so“ im Tourismus nicht mehr erfolgreich sein wird. Gerade das Mobilitätsverhalten untersteht einem deutlichen Wandel. Der zum Erliegen gekommene Luftverkehr wird auch nach der Pandemie nicht zum alten Status Quo zurückkehren. Kurzstrecken (unter 800 km) werden häufiger mit der Bahn zurückgelegt, die Angebotsdichte an Low-Cost-Flügen wird abnehmen.
  • Immersive Travel: Das Bedürfnis nach einem authentischen Erleben des Reiseziels, nach einem Eintauchen in die Welt der Bereisten wird ein immer stärkeres Reisemotiv und gegenüber dem „Massentourismus“ an Bedeutung gewinnen. Hyperlokale Angebote greifen das Bedürfnis auf, nutzen die digitalen Möglichkeiten zur Einbindung der lokalen Community des Reiseziels und stillen das Bedürfnis des Gastes nach Authentischem und Regionalem.
  • Nature & Outdoor: Ebenso gewinnen die Natur als Sehnsuchtsorte bzw. Outdoor-Erlebnisse weiterhin stark an Bedeutung und bauen ihre bereits vor der Pandemie führende Rolle als Reisemotiv weiter aus.
  • Gesundheit und Sicherheit: Gesundheitliche Sicherheit wird ein dauerhaftes Reisebedürfnis und entsprechende Hygiene ein Basisfaktor der Qualitätsanforderungen der Gäste. Dementsprechend werden Gesundheitsschutz und Hygiene künftig von den etablierten Qualitätsinitiativen und -siegeln erwartet.
  • Flüssige Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit: Die Flexibilisierung der Arbeitswelt, befeuert durch die Pandemie, lässt die Grenzen zwischen Arbeit auf der einen sowie Urlaub und Freizeit auf der anderen Seite weiter verschwimmen. Immer mehr Angebote im urbanen und im ländlichen Raum setzen auf ein Miteinander von Arbeit und Freizeit.
  • Weit reichende Veränderung des MICE-Marktes: Insbesondere der MICE-Markt ist in Folge der Pandemie starken Veränderungen ausgesetzt. Während das Volumen von Präsenz-Veranstaltungen abnimmt, wird der Anteil digitaler und Hybrid-Veranstaltungen zunehmen. Auch Formate mit Outdoor-Anteilen werden künftig häufiger angeboten und nachgefragt werden. Es kommt künftig noch mehr als bisher auf eine Spezialisierung der MICE-Kompetenzen auf Branchencluster im regionalen Umfeld an. Für Präsenzveranstaltungen spielt das freizeittouristische Profil und Rahmenangebot eine immer größere Rolle.

Zukunftsforscher Andres Reiter sieht die Covid-Pandemie als Beschleuniger für Entwicklungen, die ohnehin begonnen haben, aber sich deutlich langsamer verbreitet hätten:

„Was wir sehen, ist die durch Corona ausgelöste deutliche Beschleunigung langfristiger Entwicklungen und Trends. Diese Beschleunigung legt Versäumnisse und die Verwundbarkeit der Tourismusbranche schonungslos offen. Diese Krise ist anders als alles was bisher da war. Während der Tourismus viele Krisen der letzten Jahre – von Terroranschlägen, über Naturkatastrophen bis zu Schweinepest und Vogelgrippe – schnell verdrängen und bewältigen konnte, ist dieses Mal mit langfristigen, nachhaltigen Veränderungen zu rechnen. Wir werden uns noch lange Zeit damit beschäftigen müssen, welche Lehren zu ziehen sind und wie wir zu einem deutlich resilienteren Tourismus kommen und etwa den Massentourismus intelligenter und verträglicher steuern.“

Der Tourismus braucht somit weiterhin viel Geduld und einen langen Atem. Die Chancen stehen jedoch gut, dass es schon in der zweiten Jahreshälfte wieder vermehrt möglich sein wird soziale Kontakte und soziale Erlebnisse zu genießen, die sich die Menschen so sehr wünschen. Schon jetzt ist jedoch die Zeit gekommen, sich auf die kommenden Lockerungen vorzubereiten und sich mittel- bis langfristig strategisch sicher aufzustellen, um die künftigen Herausforderungen bewältigen zu können.

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Ich bin Geschäftsführer der PROJECT M GmbH, einer der führenden touristischen Unternehmensberatungen im deutschsprachigen Raum. Destinationsentwicklung, strategische Zukunftsentwicklung und Gesundheits- und Medizintourismus gehören seit vielen Jahren zu meinen „Steckenpferden“. Seit 1996 habe ich in diesem Markt eine Vielzahl von Beratungsprojekten geleitet, bin Autor mehrerer Fachstudien, werde oft als Moderator oder Referent eingeladen. Ich verstehe mich als Inspirator, Entwicklungspartner und Brückenbauer im Tourismus.

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