Die Chinesen als post-pandemische Neo-Reisende und „Expert Stargazer“

Andreas Reiter im Zoom-Gespräch mit Wolfgang Georg Arlt, China-Experte und CEO des COTRI China Outbound Tourism Research Institute. 

AR: Während in Europa gerade wieder Shutdowns und Ausgangssperren verordnet werden und der Tourismus wieder auf Null heruntergefahren wird, scheint es ausgerechnet in China touristisch wieder aufwärts zu gehen. In der „Goldenen Woche“ rund um den Nationalfeiertag waren mehr als 600 Millionen Menschen innerhalb Chinas auf Reisen. Wie schätzen Sie die touristische Lage im Land aktuell ein?

WGA: Der Inlandstourismus ist fast zurück auf Vorjahresniveau. In der Goldenen Woche haben viele Chinesen neue Reiseziele im eigenen Land entdeckt. Es gab ein Plus von 10 Prozent bei Inlandsflügen, da viele „exotische“ Reiseziele angesteuert haben (Sichuan, Yunnan, Guangxi, Hainan), die sich aufgrund der dort lebenden Minderheiten und der Landschaft schon fast wie eine Auslandsreise anfühlen.

AR: Für die Eurozone werden im Schnitt -7,4 bis 9 Prozent an Einbruch des BIP für 2020 vorausgesagt. China erholt sich hingegen erstaunlich schnell, ist im dritten Quartal um 4,9 Prozent im Vorjahresvergleich gewachsen, der IWF rechnet mit einem Wachstum um 1,9 Prozent für 2020 und für 2021 gar mit + 8,2 Prozent. Ist ausgerechnet China, von wo aus sich das Virus ja ursprünglich verbreitet hat, weltweit der große Gewinner der Pandemie?

WGA: Gewinner ist vielleicht das falsche Wort angesichts der Toten auch in China. Aber tatsächlich hat sich erwiesen, dass die Resilienz der chinesischen Wirtschaft grösser ist als die anderer Volkswirtschaften und außerdem China einen zeitlichen Vorsprung hat.

AR: Hat China die Corona-Pandemie wirklich unter Kontrolle (denken wir an den lokalen Ausbruch vor kurzem in der westchinesischen Provinz Xinjiang)? Ist in der Pandemiebekämpfung das kollektivistische, autoritäre System Chinas dem westlich-demokratischen überlegen? Wie sehr können wir den offiziellen Meldungen aus China überhaupt trauen?

WGA: Es wären nicht über 600 Mio. Menschen durch China gereist, wenn sie es nicht als sicher ansehen hätten. Größere Mengen an Erkrankungen/Toten kann man heutzutage auch in China nicht mehr geheim halten, ein Smartphone-Foto nach Hong Kong geschickt reicht aus für den Skandal. Gerade die Tatsache, dass auch der Ausbruch in der Autonomen Region Xinjiang, der noch am ehesten zu vertuschen wäre, gemeldet wird, zeigt die relativ große Transparenz. Die Menschen bei uns wollen einfach nicht glauben, dass die Chinesen die Pandemie im Griff haben.

AR: In Asien werden zur Ankurbelung des lahmgelegten internationalen Tourismus „Bubble Travels“ entwickelt: direkte Flug-Korridore werden da von einem (sicheren) Land ins andere gelegt, z.B. von China nach Thailand. 39 Chinesen saßen vor kurzem im ersten Ferienflieger aus Shanghai nach Bangkok, mit hohen Auflagen (zwei Wochen im teuren Quarantäne-Hotel usf.). Können solche Bubble Travels wirklich den Tourismus wieder hochfahren?

WGA: Solche Bubbles gibt’s ja einige, z.B. von China auf die Malediven. Die Bubble zwischen den Flughäfen Hong Kong und Singapore wird ohne Quarantäne durchgeführt werden. Vor allem für geimpfte Reisende ist das eine gute Möglichkeit, den internationalen Tourismus wieder in Gang zu bekommen, vorausgesetzt, dass an beiden Enden nur geringe Fallzahlen zu verzeichnen sind und die lokale Infrastruktur (Hotels, Museen) geöffnet ist.

AR: Wie sehr verändert die Pandemie die Einstellung der Chinesen gegenüber Europa? Gilt dieses Europa – das ja im Gegensatz zu China – gerade wieder in einer neuen Corona-Welle versinkt – in den Augen der Chinesen überhaupt noch als attraktives, sicheres Reiseziel? Verliert Europa an touristischer Begehrlichkeit?

WGA: Im Moment ist jeder Chinese froh in China zu sein und nicht in Europa. Aber die Reiselust ist ungebrochen, Europa ist nach Südost-/Ostasien die am meisten nachgefragte Destination für die erste post-virus Auslandsreise. Natürlich muss es sicher sein, müssen Visa erhältlich sein und bezahlbare Flüge angeboten werden.

AR: Wenn die Chinesen wieder kommen – für wann erwarten Sie die ersten Reiseströme? Mit welchen Anforderungen und Erwartungen kommen sie? Wird es einen neuen chinesischen Overtourismus geben? Oder vermehrt Quality-Märkte, off the beaten track?

WGA: Für Nachbarländer wird mit dem neuen Jahr, spätestens zum chinesischen Neujahrsfest Mitte Februar der chinesische Tourismus zurückkehren. Südostasien, Vietnam, Kambodscha etc., das sind ja alles sichere Destinationen. Für Europa erwarte ich chinesische Touristen innerhalb von einigen Monaten, nachdem Impfungen hier zur Verfügung stehen. Ein Türöffner nach beiden Seiten wird der Business Travel sein, und zwar im Incoming wie im Outgoing. Gerade Chinesen wollen Geschäfte mit Menschen machen, der direkte persönliche Kontakt ist ihnen enorm wichtig.

Es wird immer noch Massenmarkt-Gruppenreisen geben, aber der Anteil von chinesischen Gästen, die mehr Qualität, mehr Erlebnisse und mehr Zufriedenheit erwarten, nimmt zu. Kleinere, neue Destinationen, Natur und Reisen mit der Familie sowie Gesundheitstourismus sind weitere  Trends. COTRI hat dazu ein Programm entwickelt, dass unter dem Namen ADVANTAGE: TOURISM für Regionen den Weg zu einem neuen, nachhaltigen, Chinatourismus ebnet.

AR: Für manche alpinen Destinationen gilt China als Hoffnungsmarkt für den Wintersport, vor allem im Gefolge der olympischen Winterspiele 2022. Wie realistisch sind diese Erwartungen? – schließlich ist man von den propagierten 300 Millionen chinesischen Skifahrern bis 2022 meilenweit entfernt (Experten rechnen mit rund 40 Millionen Skifahrern in China bis dahin)?

WGA: Typisches Beispiel für mangelnde Produktanpassung und fehlende Marktkenntnis: Für Chinesen gilt bereits eine lustige Schneeballschlacht unter Erwachsenen als „Winteraktivität“ und Schneeschuh-Wanderungen geben auch Erlebnisse, für die man nicht jahrelang vorher üben muss und die man nach 20 Minuten auch wieder beenden kann. Ein Blick in den sternenübersäten Nachthimmel mit Erklärungen und einem Glas Glühwein ist dagegen ein Produkt, das für die Gäste aus smoggeplagten Megastädten ein echtes Wintererlebnis ist, wofür gerne bezahlt wird, vor allem wenn man hinterher noch ein Zertifikat als „Expert Austrian Stargazer“ bekommt.

Niemand hat jemals behauptet, es werde 2022 300 Millionen Skifahrer geben, die Regierung hat vor einigen Jahren gesagt, bis 2022 wird es 300 Millionen Wintersport-Freunde geben (d.h. Fernsehzuschauer, die wissen, dass man bei Slalom ausscheidet, wenn man ein Tor verfehlt). Auch 40 Millionen ist weit übertrieben, wann und wo sollen die denn Ski fahren in China?

Die olympischen Winterspiele 2022, vor allem die alpinen Wettbewerbe, werden in China kaum Aufmerksamkeit finden (ähnlich den Formel 1 Rennen in Shanghai), da es nur wenige chinesische potentielle Medaillengewinner in diesem Bereich gibt. Aber Beijing wird zeigen können, dass alles perfekt organisiert ist und wird das Superlativ „einzige Stadt, die Sommer- und Winterspiele ausgerichtet hat“ wahrscheinlich für alle Zeiten behalten können.

Zur Person: Prof. Dr. Wolfgang Georg Arlt ist studierter Sinologe, CEO des COTRI China Outbound Tourism Research Institute, mit Büros in Hamburg und Peking, www.china-outbound.com

Ich beschäftige mich leidenschaftlich mit der Zukunft als Möglichkeitsraum. Ende 1996 gründete ich das ZTB Zukunftsbüro in Wien. Als Zukunftsforscher berate ich Unternehmen, Destinationen, Kommunen, den Öffentlichen Sektor sowie Organisationen in strategischen Zukunftsfragen, bei Positionierung und markenkonformer Produkt-Entwicklung. Als Key Note Speaker bin ich bei internationalen Kongressen und Tagungen im Einsatz, zudem bin ich Lehrbeauftragter für Trends und Innovations-Management.

Leave a comment