Recovery- Check #3: Die Vitalisierung des Tourismus hat begonnen

von Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack | Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes

Es war eine Erleichterung, als nach wochenlanger Schließung die ersten Lockerungen für die Tourismuswirtschaft verkündet wurden. Mit der schrittweisen Öffnung von Hotels, Restaurants und Freizeitaktivitäten konnte eine Vielzahl von Unternehmen den Betrieb wieder aufnehmen und erstmals wieder Gäste willkommen heißen. Der touristische Lockdown ist seitdem offiziell beendet. Insbesondere der Binnentourismus nimmt nun an Fahrt auf. Der dritte Recovery-Check des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes erwartet daher, dass sich der Binnentourismus fast zwei Jahre früher, und somit deutlich schneller und stärker, erholt als der internationale Tourismus.

Der Recovery Check #3 des Kompetenzzentrums hat die Erholungsphasen und Umsatzerwartungen im Vergleich zum Basisjahr 2019 im Binnentourismus und im internationalen Tourismus genauer untersucht. Hierzu wurden die Ergebnisse des Recovery-Checks #2 anhand der neusten politischen Entwicklungen, geltenden Lockerungen, Grenzöffnungen und Aufhebungen von Reisewarnungen geprüft. Zusätzlich wurden Branchenexperten aus unterschiedlichen Segmenten der deutschen Tourismuswirtschaft um ihre Einschätzung gebeten.

Anders als seine Vorgänger unterteilt der Recovery-Check #3 den Erholungsprozess in drei anstatt vier Phasen. Aufgrund der hohen Dynamik von Eindämmungs- und Belebungsmaßnahmen verschmelzen die Phasen „Lockerung“ und „Belebung“ miteinander zur Phase der sog. Vitalisierung. Während der Vitalisierung werden die internationalen Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes schrittweise für eine zunehmende Anzahl von Ländern aufgehoben. Diese können jedoch erneut erlassen werden, falls sich neue Infektionsherde bilden, so wie kürzlich für die spanischen Regionen Aragón, Katalonien und Navarra.  Die Methodik zur Untersuchung der Phasen kann hier nachgelesen werden. Eine Vorstellung der Ergebnisse gibt es auch in diesem Blog.



Realistisches Szenario: Die Erholung des Binnentourismus ist bis Mitte 2021 abgeschlossen. Der internationale Tourismus braucht fast zwei Jahre länger.

Binnentourismus erholt sich deutlich schneller als internationales Geschäft

Die bundesweiten Lockerungen im Hotel- und Gastgewerbe, sowie die Aufhebung der internationalen Reisewarnung innerhalb der EU und einzelner Staaten ermöglichen eine Sommersaison 2020. Allerdings ist es weder für Reisende noch für die Betriebe eine Saison wie jede andere. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie und das Risiko einer Infektion mit dem Virus beeinflussen die Reiseentscheidung. Davon profitiert der Binnentourismus.

Laut der optimistischen Betrachtung des Recovery-Checks #3 können im Binnentourismus bis Ende Oktober dieses Jahres bereits 70 Prozent des Umsatzes von 2019 erreicht werden. Dies würde eine Erholung bis zum 1. Mai 2021 ermöglichen. Eine vollständige Erholung bis Juli 2021 bleibt dennoch realistischer. Der Recovery-Check #3 bestätigt dahingehend die Ergebnisse des Recovery-Checks #2. Es ist zu erwarten, dass die Vitalisierungsphase mit Umsätzen in Höhe von 60 Prozent im Vergleich zu 2019 über die Wintersaison hinausgeht. Das bedeutet einen deutlichen Anstieg gegenüber der ersten Jahreshälfte. Dennoch ist es noch lange kein Ausgleich für die entstandenen Verluste, da das Umsatzvolumen für das gesamte Jahr 2020 voraussichtlich nur 58 Prozent des Umsatzvolumens aus dem Jahr 2019 erreichen wird.

Der internationale Tourismus hingegen wird wohl deutlich längere Zeit brauchen, um sich von den Folgen der Corona-Krise zu erholen. Die globalen Einreisebeschränkungen und Reisewarnungen, die in großen Teilen der Welt auch weiterhin gelten, haben zu einem schwerwiegenden Einbruch geführt. Die Infektionszahlen sind in vielen Ländern der Welt weiterhin dramatisch und teilweise verschlechtern sie sich wieder. Neue Reisewarnungen für einzelne Landesregionen wie im Fall von Spanien erschweren den Erholungsprozess zusätzlich.

Daher ist es nach wie vor schwer einzuschätzen, wann genau der internationale Tourismus Umsätze auf dem Niveau des Jahres 2019 erwarten kann. Im laufenden und dem kommenden Jahr ist mit Umsatzeinbußen von über 50% zu rechnen. Eine vollständige Erholung bis Frühjahr 2023 erscheint derzeit am realistischsten, könnte sich jedoch im Sinne des pessimistischen Szenarios auch bis Sommer 2024 erstecken. Die prognostizierten Umsatzeinbrüche für das Geschäftsjahr 2020 haben sich im Vergleich zum Recovery-Check #2 verbessert. Bis zum Frühjahr 2023 können Umsätze in Höhe von 70 Prozent im Vergleich zu dem Niveau des Jahres 2019 erreicht werden. Dennoch bedeuten diese Ergebnisse, dass der internationale Tourismus knapp zwei Jahre länger braucht als der Binnentourismus.

Wie der touristische Erholungsprozess am Ende tatsächlich verläuft wird von den Entwicklungen der kommenden Wochen abhängen. Es bleibt ein Balanceakt den Erholungsprozess des Tourismus voranzutreiben, ohne das Infektionsrisiko zu erhöhen und erneute Beschränkungen zu riskieren.

Ich bin Bereichsleiter für Destinationsmanagement bei der PROJECT M GmbH in München. Interkommunale touristische Kooperationen und die Entwicklung touristischer Destinationen in ländlichen Räumen gehören zu meinen Schwerpunkten. Gelungene Destinationsentwicklung dient zuallererst der einheimischen Bevölkerung und den ortsansässigen Unternehmen aller Branchen. Damit gestalten wir die Zukunft und Lebensqualität in unseren Orten, Städten und Regionen. Das treibt mich an.

Leave a comment