Mobilität post covid: smart, green, intermodal

Es ist noch gar nicht so lange her, da marschierten jeden Freitag Tausende junger Leute für eine grünere Welt durch unsere Städte, ein kurzer Anflug von „Flugscham“ erfasste damals selbst Vielflieger, sobald sie sich einem Flughafen-Terminal näherten. Heute scheint die ökologische Verkehrswende weit weg zu sein.

Covid-19 verändert – wenngleich nur temporär – unser Mobilitätsverhalten und führt zu einem Rückgriff auf die Vergangenheit. Alles was vor Corona auf der Nachhaltigkeitswelle obenauf lag, also Bahn und Shared Mobility (Auto, E-Scooter), gilt plötzlich als wenig attraktiv (weil potentieller Infektionsherd).  Der Individualverkehr hingegen boomt, allen voran das eigene Auto (=Sicherheits-Kokon). In den Städten hat das Fahrrad den ÖPNV links überholt (auch hierin ist weniger ein ökologisches Motiv zu sehen als vielmehr ein Mix aus erhöhtem Bewegungsdrang nach dem Shutdown und einem verstärkten Sicherheitsbedürfnis). Die Bahn hingegen erholt sich nur langsam – erreicht im Fernverkehr derzeit einen Auslastungsschnitt von rund 30 Prozent.

Doch wie verreisen wir nach Corona? Verändert die Pandemie nachhaltig die Wahl unserer Reisemittel? Wird nach der Krise endlich der klimafreundliche Umbau des Verkehrs (und damit des Reisens) einsetzen oder ist nachher alles wie vorher?

Klar ist: dieser Sommer ist mit keinem anderen vergleichbar. 70 Prozent der Deutschen, die in diesem Sommer verreisen, tun dies im eigenen Auto (Quelle: Civey). Viele davon sind „Zwangs-Autofahrer“ – so wie sie auch überwiegend „Zwangs-Heimaturlauber“ sind (aufgrund von Einreisebeschränkungen, Reisewarnungen und einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis), außereuropäische Reiseziele stehen diesen Sommer sowieso nicht auf dem Programm. Es ist ein Sommer der Reduktion mit kleinen Radien und Heimaturlaub im Auto, wie damals in den 60er Jahren…

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Doch das wird sich sofort ändern, sobald entweder ein Impfstoff auf dem Markt ist (vermutlich Mitte 2021) oder wir – der permanenten On-/Off-Bestimmungen müde – einen anderen, „unaufgeregteren“ Umgang mit dem Virus einpflegen. Sind dann die Reisebestimmungen wieder weltweit „normalisiert“, wird wieder geflogen wie bisher (okay, immer öfter in leichteren Maschinen, die dann mit synthetischen Kraftstoffen befüllt sein werden und mit einer CO2-Bepreisung für den Kunden um einiges teurer), an all die Destinationen am Mittelmeer bzw. auch wieder interkontinental. Es wird jedoch noch 2-3 Jahre bis zum Erreichen des Vorkrisen-Niveaus dauern, der Flugverkehr nimmt nur zögerlich Fahrt auf (der Flughafen Wien beispielsweise verzeichnete noch im Juni 2020 ein Minus von 95,4% an Passagieren gegenüber dem Vorjahr). Die IATA rechnet im Best Case-Szenario damit, dass nächstes Jahr um fast 30 Prozent weniger geflogen wird als 2019.

Alles wie gewohnt? Nein, die Luftfahrt ist in einem veritablen Strukturwandel, die Konzentration unter den Airlines nimmt zu, manch kleinere Gesellschaften wie etwa die Austrian (mit aktuell 60 Flugzeugen) sind durch Corona schon fast zum Regional-Carrier dezimiert. Die (lukrativen) Geschäftsflüge innerhalb Europas werden deutlich zurückgehen, Video Calls werden – anlassbezogen – vermehrt eingesetzt. Fliegen wird teurer, Kostenwahrheit setzt sich langfristig durch. Insbesondere die Low Cost-Airlines erleiden infolge der Pandemie einen Aderlass, einige (z.B. Level) haben ja bereits die Segel gestrichen, die Position der Marktführer Ryanair, Easyjet und Wizz Air wird weiter gestärkt.  

Eine klare Vision klimafreundlicher Mobilität haben zumindest die Franzosen: die Air France soll nach dem Willen des Finanzministers (sic!) die nachhaltigste Airline der Welt werden (drastisch reduzierte Zahl an Inlandsflügen, stark CO2-reduzierte Lang- und Mittelstreckenflotte, klimaneutraler Treibstoff). Innerfranzösische Flüge werden dort, wo die Bahn die Strecke in zweieinhalb Stunden schafft, auf die Bahn verlagert – bei den formidablen Schnellzug-Verbindungen im Land gut umsetzbar.

Weg vom Flieger hin zur (High Speed)-Bahn – dies wird post Covid mittelfristig die stärkste Veränderung bei Kontinental-, insbesondere Städtereisen. Schon seit langem prognostiziere ich ein High-Speed-Bahnnetz auf dem europäischen Kontinent, das Flüge auf unter 1000 Kilometer obsolet macht. Die ersten schwachen Signale verstärken sich seit einigen Jahren – man denke nur an die Strecke Berlin-München (ICE Sprinter 3:55). Die deutsche Bahn will jetzt gleich 30 neue Hochgeschwindigkeitszüge (320 km/h) bis Ende 2022 aufs Gleis bringen. Doch dies allein wird nicht genügen. Eine hochkomplexe Gesellschaft verlangt nach einer systemischen Form von Mobilität und hier – aus touristischer Sicht – insbesondere nach einer effizienten Organisation der „letzten Meile“.

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Die Zukunft liegt in der smarten Verschränkung der Verkehre. Intermodale Verkehrspakete entsprechen dem On-demand-Denken der Nutzer, sie suchen eine intelligente One-Stop-Lösung, z.B. Flat Tax-Tarife für Nutzung von ÖPNV, Car Sharing und Bike. Hier sind in ganz Europa die Städte die First Mover: Augsburg etwa setzt seit Jahresbeginn auf integrierte Mobilitätslösungen in der Stadt: Kostenlose Benutzung von Bus/Tram im Zentrum, Nutzer der pauschalen Mobil-Flat können den gesamten ÖPNV unbegrenzt nutzen, dazu kostenlos (zeitbegrenzt) Leihfahrräder und die Carsharing-Flotte. Tallin hatte den kostenlosen ÖPNV-Verkehr (für Einheimische) schon 2013 eingeführt. Luxemburg startete seinen kostenlosen öffentlichen Verkehr landesweit im März, um die Pendler-Staus in der Hauptstadt zu entzerren.

So funktionieren nutzerfreundliche Mobility-Konzepte der Zukunft: smart, intermodal, interregional und mit attraktiven Nudging-Modellen zugunsten des ÖPNV. Das hat inzwischen auch die DB verstanden: mit der neuen App DB Rad+, wird Fahrrad- und Bahnfahren weiter verschränkt. Die mit dem Rad zurückgelegten Kilometer werden in Guthaben umgewandelt, die dann in der Region bei ausgewählten Partnern eingetauscht werden können. So geht Nudging hin zu einer klimafreundlichen Mobilität – diese ist ja ein zentraler Bestandteil der Customer Journey und wird von zunehmend achtsameren Kunden vorangetrieben.   

Learnings für Destinationen: 

  • Verzahnung von Tourismus- und Mobilitätskonzepten in den Regionen („Letzte Meile“ etc.)
  • Städte-Tourismus von morgen setzt auf interkontinentale High-Speed-Zugverbindungen
  • Klimafreundliche intermodale Nudging-Konzepte zu Gunsten des ÖPNV

Ich beschäftige mich leidenschaftlich mit der Zukunft als Möglichkeitsraum. Ende 1996 gründete ich das ZTB Zukunftsbüro in Wien. Als Zukunftsforscher berate ich Unternehmen, Destinationen, Kommunen, den Öffentlichen Sektor sowie Organisationen in strategischen Zukunftsfragen, bei Positionierung und markenkonformer Produkt-Entwicklung. Als Key Note Speaker bin ich bei internationalen Kongressen und Tagungen im Einsatz, zudem bin ich Lehrbeauftragter für Trends und Innovations-Management.

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