Bleibt der touristische Weltuntergang aus?

Nach wochenlangem Shutdown haben touristische Unternehmen wieder aufgesperrt und finden in der neuen Situation eine Nachfrage besser als erwartet vor. Manche Unternehmer sprechen sogar von der besten Buchungslage aller Zeiten. Um die hohe Nachfrage abdecken zu können, bieten Watt- und Wanderführer von der Küste bis in den Alpenraum Morgen- und Nachtwanderungen an, um die hohe Nachfrage zu befriedigen. Bergbahnen, Freizeitparks, Outdoor-Center und Ausflugsstraßen haben Wartezeiten nicht nur wegen aktueller Verhaltensregeln, sondern aufgrund hoher Nachfrage.

Zwei große deutsche Touristik-Konzerne zeigen sich zufrieden mit dem Start der eingeschränkten Sommersaison. TUI ist nach der Aufhebung der Reisewarnungen für Urlauber aus vielen Märkten startklar und füllt Flugzeuge in Richtung Warmwasserziele.  Auch Deutschlands zweitgrößter Reisekonzern DER Touristik berichtet von steigender Nachfrage und baut sein Angebot für den Winter 2020/21 aus. Unter anderem gibt es mehr Skiurlaub-Angebote und vielerorts reduzierte Hotelpreise.

Das waren zwei Pressemeldungen von Mitte Juni.

Anfang Juli klingt das wieder anders: Die Deutschen halten sich bei den Urlaubsbuchungen zurück. Nach einer Umfrage der Hotelberatung Siteminder planen rund 60 Prozent der Deutschen dieses Jahr Urlaub im Heimatland. Kurz vor Ausbruch von Corona hatte nur ein Viertel der Bundesbürger einen Urlaub im Inland geplant. An den großen Pauschalreisekonzernen wie TUI und DER geht dieses Inlandsgeschäft allerdings weitestgehend vorbei.

Auch in Österreich plant nur jeder Zweite im Sommer (Mai bis Oktober) tatsächlich zu verreisen, hat das Marktforschungsinstitut MANOVA in der aktuellen Studie „Rettet der Heimmarkt Österreichs Tourismus?“ festgestellt. Trotz eines kompletten Reiseverzichtes wegen Corona (22 %) ist das Potenzial für Urlaub in Österreich erheblich gestiegen.

Das sind prinzipiell gute Nachrichten für den von KMUs geprägten Tourismus in Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz.

Bleibt uns also der befürchtete Weltuntergang im Tourismus erspart? Eine Antwort ist nicht einfach. Die World Tourism Organisation (UNWTO), eine Unterorganisation der Uno, errechnete für den März einen weltweiten Reise-Einbruch um 55 Prozent. Im April lag die Zahl unvorstellbare 97 Prozent unter Vorjahr. Seit Jahresbeginn seien damit global Umsätze von 195 Milliarden Dollar in der Touristik verloren gegangen.

Es geht um viel Geld und viele Arbeitsplätze. Alleine in Deutschland trägt der Inlandstourismus 105 Milliarden Euro oder knapp 4 % zur Bruttowertschöpfung bei. In Österreich ist die Abhängigkeit vom Tourismus noch deutlich höher. Ein tieferer Blick gibt Anlass zu großer Sorge und zeigt, dass viele Unternehmen mit Problemen aus der Vor-Corona-Zeit kämpfen, andere die finanziellen Herausforderungen der ersten Corona-Welle schwer bewältigen und es substanzielle Unterschiede zwischen den Trend-Reisezielen an der Küste und in den Alpen und weniger privilegierten Destinationen gibt. Völlig offen ist die Entwicklung im Städte-, Messe-, Kongress- und Eventtourismus. In diesen Segmenten wird es lange Zeit brauchen, um zu früheren Umsätzen zurückzukehren.

Positiv auf die ohnehin niedrige Wertschöpfung könnte sich auswirken, dass die Übernachtungspreise in vielen Beherbergungsbetrieben nach oben gehen. Das ARD-Magazin „Plusminus“ ermittelte jüngst Preise für eine Nacht im Harz: kostete 2019 eine Übernachtung im Durchschnitt 103,39 EUR, ist der Preis zwischenzeitlich auf 138,01 EUR gestiegen. Ähnliche Steigerungen gibt es von der Küste bis in den Alpenraum, von Kärnten nach Südtirol und Graubünden. Am Meer und an Seen gibt es nochmals substanzielle Aufschläge. Es bleibt zu hoffen, dass die Preissteigerung auch in den Folgejahren gehalten werden können.

Große Sorgen macht den Touristikern vor allem die Gastronomie. Ein wesentliches Segment in der touristischen Wertschöpfungskette hat massiv mit den Folgen von Corona zu kämpfen. Betriebsaufgaben, Insolvenzen und eingeschränkte Wiedereröffnungen zeigen: die Zukunftsaussichten vieler Betriebe sind trüb. Eine Infografik des Handelsblattes bringt die Situation in der deutschen Gastronomie nach zwei Monaten Shutdown auf den Punkt: auch nach der Wiedereröffnung läuft das Geschäfts nur auf Halbmast. Die fehlenden Umsätze bedrohen die Existenz vieler der meist kleinen Betriebe. In Österreich, Südtirol und der Schweiz ist die Situation in der Gastronomie trotz Lockerungen bei den Verhaltensregeln ähnlich bedenklich.

Sinkende Einkommen gefährden den touristischen Aufschwung

Entscheidend für den ReStart im Tourismus ist die Auswirkung der COVID-19-Pandemie auf die finanzielle Situation der Reisenden. Laut dem Internationalen Währungsfond IWF sind im ersten Halbjahr 2020 durch die Corona-Pandemie 300 Millionen Arbeitsplätze weltweit verloren gegangen. In Deutschland sind Ende Juni 2020 rund 10 Millionen Personen arbeitslos oder in Kurzarbeit, in Österreich sind es ca. 1,6 Millionen. Das sind besorgniserregende Arbeitsmarktdaten. Experten vergleichen sie mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Viele Touristiker stellen sich die Frage, welchen Einfluss sinkende Einkommen und Zukunftsangst auf die Reiselust haben. Der COVID-19-Barometer von statista zeigt, dass 31 % der Befragten Deutschen im April 2020 Einkommenverluste erlitten haben. Im österreichischen „Gallup Stimmungsbarometer Corona, Sommerurlaub 2020“ geben im Juni 39 % der Befragten „finanzielle Gründe“ und 8 % „wirtschaftliche Unsicherheit“ für´s Daheimbleiben an.

Wohin entwickelt sich die Wirtschaft?

Die Regierungen pumpen Hilfsgelder nicht gekannten Ausmaßes in die Wirtschaft, versuchen Existenzängste zu nehmen und sorgen für den Moment für verspätete Frühlingsgefühle – und das ist gut so. Jammern hilft nicht aus der Krise. Die Wirtschaftsdaten sprechen allerdings eine andere Sprache und der Tourismus wird sich von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage nicht abkoppeln können. Der Internationale Währungsfond IWF befürchtet im aktuellen Corona-Update von Ende Juni eine schlimmere Rezession als ohnehin schon gedacht. Für Frankreich, Italien und Spanien werden Rückgänge von 13 Prozent vorausgesagt. Für Deutschland sagt der IWF einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 7,8 Prozent voraus. 2021 dürfte es dann mit einem Wachstum von 5,4 Prozent deutlich aufwärts gehen. Auch für Österreich und die Schweiz gibt es ähnliche Perspektiven. Am besten sehen die Prognosen für China aus. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sollte schon 2020 um 1,0 Prozent wachsen, für 2021 wird ein Wachstum von 8,2 Prozent erwartet. Doch wie schaut´s in den USA aus? Die US-Wirtschaft erlebt turbulente Zeiten, nicht nur, aber besonders befeuert durch Corona. Neben Arbeitslosenzahlen auf Rekordniveau ist davon auszugehen, dass auch die Erholung des BIP länger dauern könnte als ohnehin schon befürchtet. https://www.imf.org/en/Publications/WEO/Issues/2020/06/24/WEOUpdateJune2020

Trotz aller dunklen Wolken ist Optimismus angesagt: der jüngst für Juni 2020 für Deutschland veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex stieg so stark an wie noch nie zuvor innerhalb einen Monats. Die dafür regelmäßig befragten 9000 Unternehmenschefs erwarten mehrheitlich bessere Geschäfte in den nächsten sechs Monaten. Auch die aktuelle Lage schätzen sie besser ein als im Mai: https://www.ifo.de/node/56337

Fazit: Der Tourismus im deutschsprachigen Raum wird sich schneller erholen als in anderen Ländern. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Binnen- und Nahtourismus in jeder Krise gewonnen hat.

“Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun.” Mit Visionen zu Innovationen! Tourismusprofi für Destinationen, Seilbahnen und Freizeitindustrie, der die heute Erfolg versprechenden Marketing-Trends schon vorgestern erfolgreich angewendet hat, mehrere Schritte vorausdenkt und ist.

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