Szenarien für einen Tourismus Post corona

Trotz der unsicheren Prognosen über die touristische Entwicklung unterschiedlicher Länder steht fest, dass sich unser Reiseverhalten verändern wird. Wir wissen bereits, welche Tourismus-Trends nun besonders an Relevanz gewinnen und zeigen in weiterer Folge vier Szenarien auf, wie das Reiseverhalten in einer neuen Normalität aussehen könnte.

Wir berufen uns hierbei auf vier Szenarien des Zukunftsinstituts, die wir für die Tourismuswirtschaft interpretiert haben. Dabei wurden die Reisenden pro Szenario in den Fokus genommen und folgende Punkte analysiert:

  1. Bedeutung von Reisen in einer Post-Corona-Zeit
  2. Einfluss auf das Mobilitätsverhalten/Reiseverhalten/-vorhaben
  3. Einfluss auf das Buchungsverhalten
  4. Beispielhafte Reiseziele der ÖsterreicherInnen

Szenario 1: Die totale Isolation

„Am Anfang war der Shutdown – und der Shutdown ist zur Normalität geworden. Es ist normal, beim Betreten der Metro den Chip im Handgelenk zu scannen oder sich vor dem ersten Date gegenseitig die Gesundheitsdaten zu schicken. Es ist normal, bei der Ausreise eine Genehmigung zu brauchen, für Länder außerhalb der EU muss sogar ein langwieriges Visumverfahren durchlaufen werden. Der globale Handel gehört weitgehend der Vergangenheit an, die Handelsabkommen einzelner Staaten untereinander gewährleisten die Grundversorgung.“ – Zukunftsinstitut

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Angst vor Reisen

Dieses Szenario ist mit großer Angst verbunden. 46% der ÖsterreicherInnen können sich derzeit nicht vorstellen dieses Jahr zu verreisen. Wenn man überhaupt reist, dann nur absolut isoliert und autark zum Beispiel mit dem eigenen Camper oder man urlaubt in einsamen Ferienhäusern. Man entscheidet sich nur noch für das Notwendigste und schafft sich sichere Räume für ein absolut isoliertes und autarkes Leben. Mobile Home Office wird zu einem wichtigen Element im Leben. Es geht eventuell soweit, dass man das eigene Bundesland gar nicht mehr verlässt und nur in der eignen Region Urlaub macht – z.B. Tiroler dürfen nicht raus und niemand darf rein für den Urlaubsaufenthalt.

Der Mensch, dem das Reisen wichtig war, bevorzugt Cocooning, denn für viele ist Urlaub in Österreich besonders als Haupturlaub keine Option. Es entsteht ein großer Verzicht und eine ebenso große Enttäuschung. Mehr als die Hälfte der ÖsterreicherInnen kann sich keinen Urlaub im eigenen Land vorstellen. Andererseits kann es zu einem Umdenken kommen, wodurch man sein eigenes Land stärker erkunden möchte. Eine weitere Möglichkeit dieses Szenarios wäre, dass bestimmte Regionen nur für Risikogruppen und unter strengen Voraussetzung geöffnet werden.

Digitales Reisen für mehr Sicherheit

Man reist nur noch mit desinfizierten Campern, dem eignen Auto, Motorrad, Fahrrad. Man beansprucht keine öffentlichen Transportmittel mehr wie Flugzeug, Bahn oder Bus. Auch Sharing-Angebote werden hier nicht wahrgenommen.

Die Reiseplanung und -buchung erfolgt einerseits online und telefonisch, da der Gast viele Fragen zur Sicherheit hat. Online-Erlebnisplattformen wie beispielsweise Online Kochkurse, Weiterbildungen und Sport werden beansprucht. Eventuell wird auch verstärkt virtuell gereist.

Szenario 2: System-Crash

„Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht, und sie kommt nicht mehr heraus. Die Fokussierung auf nationale Interessen hat das Vertrauen in die globale Zusammenarbeit massiv erschüttert, eine Rückkehr zu den gewohnten Routinen ist nicht mehr möglich. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen, von Grenzschließungen bis zur Ressourcenverteidigung. Das verlorengegangene Vertrauen in eine solidarische internationale Kooperation verhindert nachhaltig Stabilität. So wackelt sich die Welt nervös in die Zukunft.“ – Zukunftsinstitut

Reisen wie es früher mal war

Die Menschen haben in diesem Szenario eine pessimistische Einstellung. Günstige Reiseziele und Orte, wo man sich selbst versorgen kann, rücken in den Mittelpunkt unter dem Motto „Reisen wie es früher mal war“. Die Bedeutung des Reisens für beide Szenarien tendiert Richtung Null, weil eine hohe Sparsamkeit auf allen Ebenen herrscht (Betriebe, Haushalte, etc.). Das für Urlaub frei verfügbare Haushaltsbudget schrumpft oder ist nicht mehr vorhanden. Zudem wirkt die Angst vor einem Jobverlust lähmend. Dadurch herrschen Existenzängste, die zu Schockzuständen führen. Man reist daher nur wirklich bei Bedarf z.B. dienstlich oder bei familiär wichtigen Anlässen. Da die Menschen nun vermehrt zu Hause bleiben wird eine neue Art der Freizeitgestaltung entwickelt. „Ego-tivity“ (z.B. Musikinstrumente erlernen und spielen, gemeinsames Kochen) spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Sichere Low Budget Reisen

Es herrscht eine hohe Preissensibilität. Man will zwar noch verreisen, aber versucht auch im Urlaub so wenig Geld wie möglich auszugeben. Stornobedingungen mit der Möglichkeit bis zur letzten Minute noch absagen zu können, werden sehr relevant.

Top-Reiseziele verlieren an Bedeutung bzw. man hält Ausschau nach günstigen Möglichkeiten in der nahen Umgebung und Urlaub – quasi vor der Haustüre. Die Auswahl der Reiseziele richtet sich stark nach der Reisewarnung, weil man Angst hat, dass zum Beispiel Versicherungen die Leistungen im Falle von Unfällen oder dergleichen nicht erbringen und das Risiko des Selbstbehaltes zu groß ist.

Szenario 3: Neo-Tribes

„Nach der Corona-Krise hat sich die globalisierte Gesellschaft wieder zurück zu stärker lokalen Strukturen entwickelt. Es wird mehr Wert denn je auf regionale Erzeugnisse gelegt, kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung gegen die anderen. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtige Werte, die aber nur lokal gedacht werden, nicht global.“ – Zukunftsinstitut

Rückzug ins Private

Nach der Bewältigung der Krise sehnt man sich verstärkt nach Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen. Das globale Denken und Handeln scheint nun negativ konnotiert zu sein und so kommt es zu einem Rückzug ins Private und das eigene zu Hause. Rückbesinnung auf wahre Werte wie z.B. Zeit mit der eigenen Familie zu verbringen, rücken jetzt noch mehr in den Vordergrund. Anstatt sich stundenlang in den Flieger zu setzen und die Welt zu erkunden, findet der Urlaub vor der eigenen Haustüre statt. Investitionen in das eigene Haus werden somit wichtiger als in den Urlaub.

Hiermit einher geht auch der Effekt der De-Touristification, bei der sich Tourismus- Hotspots von Overtourism erholen. Reisen gilt nicht mehr als selbstverständlich, sondern wird als etwas Besonderes angesehen, was auch den Resonanz-Tourismus begünstigt.

Wenn Urlaub gebucht wird, dann rücken folgende zwei Optionen in den Mittelpunkt:

  • Urlaub, der Freiraum oder freie Fläche bietet, wo man nicht so viel auf Menschen trifft wie z.B. Urlaub am Bauernhof, Ferienhäuser abseits der Infrastruktur
  • Individualferien in Form von Roadtrips mit dem Camper, Motorrad, Auto oder Fahrrad
  • Besondere Erlebnisse in der näheren Umgebung

Reisen werden sich auf einen relativ geringen Radius begrenzen, was dazu führt, dass man einfach darauf los fahren kann ohne viel planen zu müssen. Es entsteht eine Renaissance des Regionalen und man möchte unbekannte Naturerlebnisse entdecken. Freiheit ist hierbei ein großer Treiber. Besonders beliebt sind Tagesausflüge mit dem Rad oder Motorrad. Im Idealfall tut man auf diesen Tagesausflügen auch gleich etwas für seine Gesundheit, was zu einem Boom des Gesundheitstourismus führt.

Trotz der oft nur kurzen Ausflüge soll das Abenteuer nicht ausbleiben: Erlebnisangebote in der näheren Umgebung ermöglichen eine schnelle und kurzfristige Flucht aus dem Alltag. Der vermehrte Rückzug ins eigene Haus bedingt jedoch auch, dass bei längeren Aufenthalten Airbnb und andere Plattformen für private Unterkünfte mit familiärem Ambiente noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Szenario 4: Adaption

„Die Weltgesellschaft lernt aus der Krise und entwickelt resiliente, adaptive Systeme. Gesellschaftliche Tiefenströmungen in Richtung Postwachstum, Wir-Kultur, Globalisierung und Post-Individualisierung, die bereits vor der Krise existierten, werden durch die kollektive Corona-Erfahrung von der Nische in den Mainstream katapultiert.“ – Zukunftsinstitut

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Weltweites Gemeinschaftsgefühl & Gesundheitsverständnis

Corona war eine globale Herausforderung, bei der weltweit AkteuerInnen zusammengearbeitet haben, um die individuelle Gesundheit jedes Einzelnen zu schützen. Dies führte zu einem globalen und holistischen Gesundheitsverständnis, bei dem die Gesundheit nicht mehr nur individuell, sondern ganzheitlich als Zusammenspiel von Umwelt, Stadt, Politik & Weltgemeinschaft gesehen wird. Dies schweißt zusammen.

Das Authentische, das Wahrhafte und Heimatverbunde lässt eine Renaissance der Regionalität erwachen – sozusagen „die Sommerfrische reloaded“. Alte und neue Beziehungen werden vertieft und gepflegt. Man möchte sich und seine Mitmenschen mehr wahrnehmen. Die Krise wird dadurch als Chance gesehen, da man sich rückbesinnt und die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Gesundheit und Umwelt die oberste Priorität werden.

Nach der kollektiven Corona-Erfahrung wird „sich Zeit nehmen“ ein wahrer Wert – man hat erlebt wie gut es tut vom schnelllebigen Leben Abstand zu gewinnen und möchte diese Erfahrung bewahren. Das Naturerlebnis und die Verbindung damit wird bedeutend.

Reise zu den Nachbarn in Finnland

Das „Zusammenrücken“ während der Krise hat das globale Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Reisen und Entfernungen gewinnen an Bedeutung – man sieht sich als Weltbürger. Unsere Gesellschaft hat sich vom Massenkonsum hin zu einem gesünderen Wirtschaftssystem gewandelt, welches wir nicht aufs Spiel setzen möchten. Aus diesem Grund setzen wir auf starke Marken, denen man vertrauen kann, die einen wahren Wert widerspiegeln und nachhaltig agieren. Statt konsumorientierte Reisen stehen der Gesundheitstourismus und Angebote zur mentalen und körperlichen Vorsorge im Fokus. Es werden Orte gebucht, an denen man sich rückbesinnen kann – zum Beispiel ein Ferienhaus in Finnland.

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