Recovery-Check #2: Tourismus im abgesicherten Modus

Seit nunmehr sechs Wochen herrscht im Tourismus Stillstand. Touristische Regionen und Betriebe hoffen und bangen auf Lockerungen ab dem 4. Mai. Im besten Fall wird sich für den Deutschlandtourismus dann schon spürbar etwas ändern. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass das touristische Geschäft erst Anfang Juni langsam wieder Fahrt aufnehmen kann, im schlimmsten Fall sogar erst Anfang Juli. Zu diesem Ergebnis kommt der zweite Recovery-Check des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes. Doch wie lange wird es insgesamt dauern, bis wir wieder von Normalität sprechen können?

Der Recovery-Check #2 des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes hat die Erholungsphasen und Umsatzerwartungen im Vergleich zum Basisjahr 2019 im Binnentourismus und im internationalen Tourismus genauer untersucht. Hierzu wurden die Ergebnisse des Recovery-Checks#1 anhand der neusten politischen Entwicklungen geprüft und rund 500 Branchenexperten aus unterschiedlichen Segmenten der deutschen Tourismuswirtschaft um ihre Einschätzung gebeten.

Die Methodik zur Untersuchung der vier Phasen Lockdown, Lockerung, Belebung und Normalisierung kann hier nachgelesen werden. Eine Vorstellung der Ergebnisse gibt’s auch hier im Blog.

Realistisches Szenario des Recovery-Checks #2: Der Binnentourismus erholt sich deutlich schneller als der internationale Tourismus

Erholung des Binnentourismus innerhalb eines Jahres möglich

Die Spannweite der Erwartungen an die zukünftige Tourismusentwicklung ist groß, die Ergebnisse ernüchternd. Aber es gibt Hoffnung, vor allem für deutsche Destinationen. In der Betrachtung des realistischen Szenarios ist die Normalisierung des Binnentourismus bereits im Sommer 2021 abgeschlossen, sodass auf das Gesamtjahr 2021 gesehen bereits 89% des Umsatzes des Bezugsjahres 2019 wieder erreicht werden.

Im internationalen Tourismus sind die Aussichten deutlich schlechter. Von dem Beginn einer Normalisierung des globalen Reiseverkehrs kann realistisch gesehen erst 2022 gesprochen werden, das Umsatzniveau des Basisjahres 2019 wird voraussichtlich erst im Frühjahr 2023 erreicht. Die damit verbundenen Entwicklungen beschreiben wir in Kürze in einem gesonderten Beitrag.

2020 und 2021 werden vom Binnentourismus geprägt sein. Auch wenn Urlaube im eigenen Land die bisherigen Umsatzeinbußen nicht aufholen können, so ist es realistisch möglich, dass sich der Binnentourismus mit den ersten Lockerungen innerhalb eines Jahres erholt. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Weg zum Neustart durch erste vorsichtige Lockerungen im Bereich der Freizeitwohnsitze bereits beschlossen, Reisebüros dürfen bundesweit schon jetzt wieder öffnen. Ein Anfang, aber kein Grund zur Euphorie. Die Urlaubslust der Bevölkerung ist da, viele zieht es raus in die Natur. Aber eine zunehmende Zahl an Spaziergängern, Wanderern und Radfahrern ist immer auch ein Risiko und gefährdet die Eindämmung der Pandemie. Die ersten Naherholungsgebiete müssen daher zu strikten Maßnahmen greifen, um die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen von Einwohnern und Gästen gewährleisten zu können.

Das, was der Branche in den nächsten Wochen und Monaten bevorsteht, lässt sich mit dem Neustart eines Computers im abgesicherten Modus vergleichen: Wir starten mit einem begrenzten touristischen Angebot und werden mit der schrittweisen Lockerung die Entwicklung der Corona-Pandemie ganz genau beobachten, mögliche Probleme identifizieren und ggf. neue Einschränkungen hinnehmen müssen. Wie die erste Phase eines abgesicherten Modus aussehen kann, skizziert beispielsweise der Deutsche Tourismusverband in seinem Perspektivpapier für einen bundesweit einheitlichen Neustart.

Normalität im Binnentourismus bis 2023 ist aktuell wahrscheinlich

Trotz erster Lockerungen wird es weiterhin Restriktionen geben. Freizeit- und Businessreisen werden nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein. Trotz dieser besonderen Umstände können in der optimistischen Betrachtung im Binnentourismus bereits 60 Prozent des Umsatzes auf dem Niveau des Vorjahres erwartet werden. Im Falle einer sehr schnellen Erholung könnte bereits zum Jahreswechsel von einer Normalisierung gesprochen werden.

Im pessimistischen Szenario des Recovery-Checks #2 werden die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes erst zu diesem Zeitpunkt schrittweise aufgehoben, sodass erste Aufwärtsbewegungen im Sinne einer Belebung erst 2021 im Binnentourismus erkennbar sind. Innerhalb eines Jahres werden dann lediglich Umsätze von 50 Prozent des Vergleichszeitraums 2019 erreicht. Im schlimmsten Fall wäre eine Normalisierung dann erst mit dem Beginn der Wintersaison 2023 abgeschlossen.

Realistisch betrachtet können wir jedoch davon ausgehen, dass die Lockerung des Binnentourismus im August dieses Jahres abgeschlossen sein wird. Im Zuge der Belebung in der kommenden Herbst- und Wintersaison wird erwartet, dass das Umsatzniveau schon auf bis zu 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ansteigt. Ostern 2021 könnte dann bereits die Normalisierung beginnen.

Welches der prognostizierten Szenarien am Ende der Realität am nächsten kommt, wird im Wesentlichen davon abhängen, wann ein Impfstoff verfügbar ist. Aber auch davon, wie die Branche selbst und nicht zuletzt auch die Reisenden mit bestehenden Restriktionen umgehen und den Weg zu einer neuen Normalität mitgestalten.

Der Recovery-Check des Kompetenzzentrums beurteilt die Entwicklung auf Basis der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation. Die Entwicklungen sind dynamisch und erfordern eine kontinuierliche Beobachtung. Analog zum Bund-Länder-Treffen wird der Recovery-Check im Zwei-Wochen-Takt erneuert und mit Branchenbefragungen weiter fundiert. Eine Anmeldung zu den regelmäßigen Befragungen des Online-Panels ist hier jederzeit möglich. Über unseren Newsletter informieren wir über die Ergebnisse. Hier können Sie sich anmelden. Die nächste Ausgabe des Recovery-Checks erscheint voraussichtlich in der KW 19 oder 20/2020.

Ich bin Senior Analyst beim Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes, der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Ich analysiere die aktuellen Trends und dynamischen Entwicklungen im Tourismus und sondiere branchenrelevante Fördermöglichkeiten. Die Beachtung der Vielfalt unserer Branche und der Mehrwert für die einzelnen touristischen Akteure sind mir dabei ein besonderes Anliegen.

Comments

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    Horst Birko
    29. April 2020

    Warum dürfen Dauercampingplatze auf machen aber Stellplatze nicht.Was ist der Unterschied zwischen Dauercampingplatz und einem Stellplatz.???

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    Hans-Joachim Zehl
    30. April 2020

    Seit 1982 haben wir autarke Wohnmobile und machen damit Reisen in Europa. Meine Frau und ich benutzen Campingplätze nur in Gegenden, wo wir das Reisemobil bei Tagesausflügen nicht unbeaufsichtigt stehen lassen wollen oder wo die Campingplätze geringfügig teurer als Stellplätze sind; ansonsten bevorzugen wir Stellplätze oder freies Stehen wo erlaubt.
    Wir reisen mit dem Reisemobil und bleiben selten länger als zwei, drei Tage an einem Ort. Unser Reisemobil ist so ausgestattet, dass wir nur im Abstand von fünf bis sieben Tagen eine Ent- und Versorgungsstation benötigen. Ebenso können wir mit unserer Solaranlage die e-bike Akkus laden. Insofern sind viele Wohnmobile autark, werden aber nicht ent6sprechend genutzt. Wir hatten früher einen Roller für Ausflüge in die Umgebung dabei; seit mehr als 8 Jahren nur noch e-bikes.
    Mit dieser Art des Reisens können wir die Corona-Auflagen wie zu Hause problemlos einhalten. Warum geht das nicht z.B. nach Wedel zu fahren und an der Elbe bis Brunsbüttel Radfahren? Wohnmobilreisen, so wie wir es praktizieren, ist nach unserer Auffassung nicht Campen, auch wenn es in der Werbung und den Medien oft so dargestellt wird.
    Wir sind beide Jahrgang 1941 und möchten dieses Hobby noch lange ausüben und diese Freiheit genießen.
    Vielleicht regen Sie diese Zeilen dazu an, Wohnmobilreisen mal anders zu betrachten und die heute vielfach verlangte Comfort-Ausstattung der Stellplätze auf die Notwendigkeit zu hinterfragen. Eine Entsorgungsstation braucht nicht besonders desinfiziert zu werden, mehr braucht ein Reisemobil nicht.
    Hans- Joachim Zehl

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