Tourismus nach Corona – Krisengewinner Deutschland?

Man hört es zurzeit sehr häufig: Das Reiseland Deutschland werde als großer Gewinner unter vielen Verlieren der Corona-Krise hervorgehen. Als wichtigstes Argument für diese These wird ins Feld geführt, dass die Leute erst einmal in der Nähe bleiben würden und nicht gleich eine COVID-19-Irrfahrt auf einem Kreuzfahrtschiff riskieren wollten. Mag sein. Doch es wird auf den Zeitpunkt ankommen, wann wir das Virus in den Griff bekommen. Zudem bleiben einige große Fragezeichen, ob die Perspektive wirklich Anlass zu der Aussage gibt, dass es in Deutschland nach der Lockerung der Reisebeschränkungen mit Vollgas bergauf geht.

Krisengewinner Deutschland. Das klingt gut. Es klingt nach Hoffnung, vielleicht nach Aufbruch, in jedem Fall nach touristischem Selbstvertrauen. Vielleicht klingt es auch ein bisschen überheblich. Doch mit Blick auf viele andere Destinationen, ihre touristische Infrastruktur mit hoher Abhängigkeit von organisiertem Massentourismus und funktionierendem Flugverkehr, und nicht zuletzt die im Ausland meist nicht annähernd vorhandene Finanzkraft eines Staates wie Deutschland, um Hilfsprogramme aufzulegen, darf darauf hoffen lassen, dass wir besser durch die Krise kommen werden als die meisten anderen.

Doch es gibt ein Problem: Die Krise dauert für den Deutschlandtourismus und seine Betriebe viel länger als anfangs gedacht. Die meisten Akteure hatten sich auf rund vier Wochen Stillstand eingestellt. Seit vergangener Woche und den Beschlüssen der Bundesregierung und Ministerpräsidenten ist nun klar: Vor Mitte Mai, eher Anfang Juni, wird in Deutschland touristisch nicht mehr gereist werden. Die touristische Vollbremsung geht weiter. Wann schrittweise wieder hochgefahren wird – unklar. Und für viele vielleicht zu spät.

Im März, April und Mai des Vorjahres zählte die offizielle Statistik für Betriebe ab zehn Betten 117,9 Millionen Übernachtungen bundesweit. Rund 100 Millionen Übernachtungen werden bis zum jetzt vorsichtig angepeilten Ende der Reisebeschränkungen also bereits verloren gehen. Das Rekordjahr 2020 mit 495,6 Millionen Übernachtungen (+3,7 Prozent) ist im Moment so weit weg wie der Mond – ganz gleich wie es ab Juni weitergeht.

Um als Gewinner aus der Krise hervorzugehen, muss die Infrastruktur erhalten werden

Rund 70.000 Hotel- und Gastronomie-Betriebe sollen aktuell laut Deutschem Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) vor der Insolvenz stehen. Den bundesweit etwa 223.000 Betrieben gingen bis Ende April demnach rund zehn Milliarden Euro Umsatz verloren. Laut einer DIHK-Umfrage ist rund ein Viertel der touristischen Betriebe trotz Soforthilfen und KfW-Kredite akut von der Insolvenz bedroht. Bis zu 71 Prozent der Betriebe des Gastgewerbes und der Reisewirtschaft rechnen mindestens mit einer Halbierung ihrer Umsätze. Nach einer aktuellen Umfrage des TourismusMarketing Niedersachsens befürchtet knapp ein Viertel (23 Prozent) einen wirtschaftlichen Komplettausfall, 22 Prozent rechnen mit Einbrüchen von mehr als 75 Prozent.

In was für einem Reiseland und mit was für einer touristischen Infrastruktur werden wir nach diesem Alptraum also aufwachen?

Schon die touristische Infrastruktur vor der Corona-Krise war vielerorts nicht auf großes Wachstum ausgelegt. In den Top-Regionen wie an Nord- und Ostsee ist seit Jahren in den Ferien alles mehr oder weniger ausgebucht, Wachstum ist dort nur noch in der Nebensaison denkbar. Weil das aber schwierig ist, wurde in den vergangenen Jahren vor allem an der Qualität der Betriebe und des Aufenthalts gearbeitet. Die strategische Ausrichtung lautet mehr Wertschöpfung – nicht mehr Gäste. Das wäre vielerorts auch deshalb schwierig, weil viele Klein- und Kleinstvermieter in den vergangenen Jahren aufgaben. Viele Betriebe konnten nicht an die nächste Generation übergeben werden. Was an Betten verloren ging, fingen entweder neue, größere Hotels auf. Oder es ging lokal abwärts mit den Übernachtungszahlen.

Doch die größeren Hotels sind jetzt in der Krise nicht unbedingt ein Segen. Sie haben es viel schwerer durch diese Zeit zu kommen – und dürfen aufgrund der Restriktionen wohl auch erst später wieder öffnen als Ferienwohnungen. Größere Häuser brauchen ganzjährig Auslastung, um die hohen Fixkosten tragen zu können, um Kredite für Investitionen bedienen zu können.

Wer nur zwei Ferienzimmer auf seinem Bauernhof vermietet, den treibt aktuell nicht sein touristisches Zubrot um, sondern die Suche nach Erntehelfern. Regionen mit vielen Kleinvermietern und kleineren Hoteleinheiten werden deshalb stabiler durch diese unruhige Zeit steuern, da die Last auf viel mehr Schultern verteilt ist. Die Frage ist also: Wie viele Betriebe wird es nach der Krise noch geben, um Gäste begrüßen zu können? Klar ist: Mit deutlich weniger Betrieben kann Deutschland nicht als touristischer Gewinner aus dieser Zeit hervorgehen.

Um nachhaltig als Gewinner aus der Krise hervorzugehen, bräuchte es ein verändertes Reiseverhalten und ein gutes Timing

Über die Frage, ob sich das Reiseverhalten der Menschen durch diese Zeit nachhaltig verändern wird, darüber gibt es – wenn man ehrlich ist – keine zwei Meinungen. Nein. Wird es nicht. Seit Jahren versucht man die Menschen für mehr Klimaschutz zu sensibilisieren. Von Jahr zu Jahr wird dennoch mehr geflogen, steigt der Energieverbrauch pro Kopf in den Industrienationen, werden immer mehr Autos zugelassen, wird mehr Boden für Wohnraum versiegelt, mehr Fleisch gegessen usw. Wohlstand schafft Nachfrage und die Bereitschaft Geld auszugeben. So ist es. So war es. Und ob sich das nun ändert, ist Spekulation. Also bleiben wir bei dem, was wir aus der Vergangenheit der Spezies Homo Sapiens wissen.

Ob Deutschland ein touristischer Krisengewinner sein wird, hängt also weniger von der individuellen Bereitschaft ab, sein persönliches Verhalten zu ändern als vielmehr von den Angeboten, die uns Reisenden nach Corona auf der Welt gemacht werden. Und natürlich von den Rahmenbedingungen, also wie und wann wieder gereist werden darf. Vom Timing.

Szenario 1: Der Reiseverkehr kommt erst im Herbst wieder richtig in Gang, die Sommersaison findet unter vielen Auflagen statt. Der Deutschlandtourismus plätschert weit unter seinen Möglichkeiten dahin. Viele Betriebe überleben auf Sparflamme oder nur durch kreative Angebote, die mit ihrem Kerngeschäft ursprünglich nicht sehr viel zu tun haben. Bis Anfang 2021 werden die Reisebeschränkungen international weitestgehend aufgehoben, es gibt einen Impfstoff und die Airlines fahren ihre Kapazitäten bis März 2021 im touristischen Bereich schnell wieder annährend auf das 2019er Niveau hoch. Die Hotels auf den Kanaren, Mallorca, in Dubai, Miami und anderswo öffnen wieder und die Reiseströme werden sich entsprechend schnell auch wieder dorthin entwickeln. Wahrscheinlich würde es einen regelrechten Run auf die Sonnenziele geben, während in Deutschland noch Winter ist. Die „alten“ Angebote der Touristik würden, der Sehnsucht geschuldet, boomen. Das Nachholbedürfnis wäre riesig. Deutschland würde in seine Rolle als beliebtestes Ziel für Zweiturlaube und Kurztrips zurückkehren. Für rund 35 Prozent aller Reisenden bleibt es aber auch das Ziel der Wahl für den Haupturlaub. Ländliche Regionen würden beim Comeback stärker zulegen als die Städte, die noch länger unter einem schwächerem Incoming-Geschäft leiden werden (mehr dazu im Folgenden).

Fazit 1: Bei diesem Timing bliebe (fast) alles beim Alten.

Szenario 2: Die Lage bleibt bis weit ins nächste Jahr hinein international unsicher, es gibt keinen Impfstoff und immer neue Infektionswellen halten die Welt in einem Zustand ungesunder Anspannung. Dann gilt, was Bayerns Regierungschef Markus Söder (53, CSU) schon über diesen Sommer sagt: „Urlaub im Ausland wird schwer. Meine Einschätzung ist, wenn man das Infektionsgeschehen anderer Länder anschaut, ist der Urlaub wohl besser in Deutschland zu machen, wo es wundervolle Ziele gibt.“ In diesem Fall wären die Nahziele im Fokus der Reisenden. Und da es nach wie vor um die Entzerrung von Reiseströmen gehen würde, profitieren ländliche Regionen, Ferienstraßen, die hidden places. Campingplätze an Seen in der Eifel, in Franken oder Brandenburg, wo sonst selbst in den Sommerferien immer ein Stellplatz frei war, wären restlos ausgebucht. Ferienwohnungen in den abgelegensten Winkeln im Bayerischen Wald erfreuen sich nie dagewesener Nachfrage. Mitten im Nirgendwo hätte man es plötzlich wahrscheinlich mit Overtourism-Phänomen zu tun. Zudem stehen die Kur- und Heilbäder mit ihren präventiven Gesundheitsleistungen im Fokus. Denn wenn uns diese Zeit eines wieder in Gedächtnis ruft, dann: Gesundheit ist das höchste Gut.

In diesem Szenario – und gutes Wetter vorausgesetzt – gibt es eine große Chance, allen voran viele Bundesbürger nachhaltig für das Reiseland Deutschland zu begeistern. Wenn am Ende der Oster- und Sommerferien 2021 viele sagen: „Wow, wir hatten so eine tolle Zeit, das hätte ich nicht gedacht“ – dann ist Deutschland ein touristischer Krisengewinner. Aber erst dann! Und nur, wenn die Preise nicht zu stark steigen. Denn viele Haushalte leiden finanziell stark unter der Corona-Krise.

Fazit 2: Bei diesem Timing ist die Chance für das Reiseland Deutschland groß, doch gilt es allen voran für die ländlichen Regionen sich jetzt richtig fit für dieses Szenario zu machen, die Angebote richtig zu gestalten, seine Positionierung der neuen Lage anzupassen und das Marketing entsprechend vorzubereiten.  

Der Incoming und Inlandstourismus – Von den knapp 500 Millionen Übernachtungen im vergangenen Jahr, kamen 90 Millionen aus dem Ausland (+2,5 Prozent). Das Incoming-Geschäft ist seit Jahren ein wichtiger Treiber des Erfolges des Deutschlandtourismus. Doch ganz gleich, welches Szenario man zugrunde legt: Das Segment wird auf Jahre nicht mehr das Vorjahres-Niveau erreichen. Zum einen, weil 22 Prozent der internationalen Gäste dem Geschäftsreise-Sektor zuzuordnen sind und gerade hier viele Firmen ihre Reiserichtlinien überarbeiten werden. Nun, wo man gesehen hat, wie gut das ein oder andere auch als Video-Konferenz funktioniert, werden die Konzerne ihre Reise-Budgets zusammenstreichen. Die Rezession tut ihr übriges. Darüber hinaus werden die Airlines im Business-Segment deutlich länger brauchen, das Streckennetz wieder auf das alte Niveau zu heben.

Ein weiteres Problem: Die großen Städte spielen als Kulturziele für das Leisure-Incoming eine überproportionale Rolle. Aber ein Großteil des kulturellen Angebotes in den Citys, also große Ausstellungen, Festivals, Großevents und der für Berlin so wichtige Club-Tourismus, wird längerfristiger vom Lockdown betroffen sein.

Hoffnung macht, dass laut DZT rund 70 Prozent der internationalen Gäste in der Vergangenheit aus Europa, und hier vor allem mit dem Auto aus unseren Nachbarländern, anreisten. Von ihnen waren weit mehr als die Hälfte Wiederholer. Heißt: Deutschland ist als Reiseziel für die meisten Interessenten aus Europa nach Aufhebung der Reisebeschränkungen auf Schiene und Straße wieder erreichbar, auch wenn die Airline-Kapazitäten noch länger reduziert bleiben. Für die Überseemärkte rechnet die DZT erst 2021 bzw. 2022 mit einer echten Wiederbelebung.

Fazit Incoming: Das Incoming wird voraussichtlich in den kommenden Jahren nicht als Sieger aus der Corona-Krise hervorgehen. Die Metropolregionen müssen daran arbeiten, neue Formen von Städteurlaub zu konzipieren, entsprechende Produkte entwickeln und das Reiseland Deutschland im Ausland anders als bislang positionieren.

Ich bin seit 2016 Herausgeber von TourismusNewsDeutschland. Als Chefredakteur des Magazins „Tourismus digital“ des Deutschen Tourismusverbandes legte ich zudem einen Schwerpunkt meiner Arbeit auf digitale Themen. Zuvor war ich sieben Jahre lang Objektleiter Content bei der Funke Mediengruppe NRW im Produktmanagement Reise.

Comments

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    Hotel Nutzkaser
    24. April 2020

    Gratulation. Ein sehr schöner, verständlicher Beitrag

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  • Christian
    Christian
    24. April 2020

    Danke für das Feedback!

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    Jan Kobernuß
    24. April 2020

    Warum Menschen Reisen, an diesen Motiven ändert auch ein Virus nichts. Gut, wenn das hier mal klar ausgesprochen wird. Ein „nach der Corona-Krise wird im Tourismus nichts mehr sein wie vorher“, wie es jetzt manche Propheten verkünden, schafft zwar kurzfristig Aufmerksamkeit, geht aber an der Realität vorbei.

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      TNC-Administrator
      24. April 2020

      Danke für Dein Feedback, Jan. Wir freuen uns, dass Du Dich hier mit uns gemeinsam für den Deutschlandtourismus engagierst – gerne auch mit Blogbeiträgen aus Deinen Erfahrungen und Blickwinkeln. Herzliche Grüße, Sebastian Gries

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    Elke Schönborn
    24. April 2020

    Für mich sind Fazit 2 und Fazit Incoming zwei wesentliche Punkte! Und vor allem müssen wir Qualität bieten, wenn neue ZIelgruppen (z.B. Familien) aus dem Inland zu uns kommen in diesem Sommer/Herbst.

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    Katharina
    26. April 2020

    Danke für die Infos. Als Ferienhaus Vermieter im schwäbischen Wald hängen wir total in der Luft. An Monteure dürften wir vermieten, die haben ja kein Corona, aber an Familien mit Kindern nicht. Gerade die sollten doch mal raus in die Natur. Sie wären hier ganz für sich wie Zuhause auch. Ich verstehe das nicht , wir sind auf diese Einkünfte angewiesen und wissen nicht wie lange wir durchhalten müssen.

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    Harald
    28. April 2020

    Wir vermieten privat eine Ferienwohnung auf Usedom. Was uns etwas umtriebig macht, sind Überlegungen der Tourismusplaner in Mecklenburg-Vorpommern. So ist in dem entsprechenden Strategiepapier Version 1.0 zu lesen, dass Touristen einen Nachweis führen sollen, Convid-19 frei zu sein. Das halten wir für eine ziemliche Zumutung. In Berlin haben selbst Menschen mit entsprechenden Krankheitssymptomen Probleme getestet zu werden. Und bei der angekündigten Steigerung auf 800 000 Tests pro Woche kann sich jeder ausrechnen, wann 80 Millionen erreicht wären.

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    Heinz Müller
    30. April 2020

    Warum kann man keine Stellplätze unter bestimten Maßnahmen öffnen? Wir WOMO Fahren haben alles dabei. Das Verhalten auf dem Stellplatz ist sicherer, als in jeder Fußgängerzone.

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