Städte-Tourismus: warum Kultur systemrelevant ist

Was systemrelevant ist, erkennt man oft erst in der Not. So dämmerte uns in den letzten Wochen, dass Krankenschwestern und Supermarkt-Kassiererinnen das System am Laufen halten, wir lernten den Wert seriös recherchierter Fakten in Qualitätsmedien schätzen oder vermissten die gestaltende Hand unserer Friseurin. … Ja, und im stillgelegten Städte-Tourismus wird angesichts des Shutdowns vielen Akteuren schmerzlich klar, dass die atmosphärische Qualität ihrer Städte nicht nur vom kulturellen Erbe, von Gastronomie und Lifestyle abhängig ist, sondern auch von einer pulsierenden Kultur- und Kreativ-Szene.

Und gerade darin hat ja Deutschland eine Menge zu bieten, es gilt bei europäischen Besuchern zurecht als führende Kultur-Destination. Bei Destinations-Managern steht das „kulturelle Erbe“ zwar weit vor der „Bildenden/Darstellenden Kunst“ im Fokus ihres touristischen Angebots (vgl. Kulturtourismusstudie 2018). Doch wer einen Standort als ganzheitliches Soziotop versteht, weiß: das kulturelle Kapital geht weit über das kulturelle Erbe, über die Schönheit historischer Orte und über instagramfähige Attraktionspunkte wie z.B. die Elbphilharmonie hinaus.

Das kulturelle Kapital ist nicht nur ein touristisches Asset, sondern längst ein entscheidender Standortfaktor auch für Bewohner wie für Investoren. Kulturelle Hotspots wie Stuttgart, Frankfurt, Basel u.a. ziehen hochqualifizierte Mitarbeiter an, diese wiederum speisen ihr Geld in den regionalen Wirtschaftskreislauf ein. Konzerthäuser und Museen, Theater, Galerien und Clubs – sie alle bilden die systemrelevante Infrastruktur in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der es beim Einzelnen wie bei Standorten permanent um eine „ästhetische Selbsterneuerung“ (Andreas Reckwitz) geht. Seitdem in den Nullerjahren das Konzept der „Creative City“ von Richard Florida die Runde gemacht hatte und Metropolen von Barcelona bis Wien sich mit strategischen Masterplänen als Kreativhubs positionierten, ist klar: Kultur ist Daseinsvorsorge nach innen und Imagefaktor nach außen.

Nur liegt jetzt, niedergestreckt vom Virus, eben diese Kultur- und Kreativszene am Boden. Das Kompetenzzentrum Kultur geht von einem Verlust von bis zu 28 Mrd. Euro für deutsche Kulturszenen aus. Konzerte und Festivals fallen aus, Museen sind geschlossen, Clubs verbarrikadiert (diese waren noch bis vor kurzem so wichtig, dass Städte wie Mannheim eigens einen „Nachtbürgermeister“ als Bindeglied zwischen der umtriebigen Klubszene und den Bewohnern installierten). In Bayreuth entfällt der Festspielsommer, in Salzburg überlegen sie noch, Oberammergau hat seine Passionsspiele gleich auf 2022 verschoben. Blockbuster, also publikumswirksame Ausstellungen, mit denen große Museen relevante Teile ihrer Deckungsbeiträge finanzieren, sind nach der Öffnung vorerst wohl ebenso wenig zu erwarten wie die benötigten Besucherströme, schon gar nicht aus dem Ausland (abgesehen davon könnte man Massen die nächste Zeit über – Abstands- und Hygieneregeln! – ja ohnedies nicht handeln). Dramatische Einnahmenverluste sind die Folge, Pleiten und Entlassungen. Es werden zwar derzeit verschiedene Rettungsschirme der öffentlichen Hand aufgespannt, auch von Kommunen – die Stadt Köln hat z.B. einen Nothilfefonds von 700.000 Euro aufgelegt, um die lokale Clubkultur zu unterstützen. Noch sind 1,7 Mio. Menschen in der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft beschäftigt. Und es sind oft die hellsten Köpfe, die den Spirit einer Destination und damit auch ihr Image wesentlich mitgestalten.

Was systemrelevant ist, erkennt man oft erst in der Not. Oder hinterher, wenn es nicht mehr da ist. Kunst und Kultur haben sich bislang immer über physische Orte definiert (erst in der Quarantäne sind viele notgedrungen auf digitale Formate, auf Live Streaming, virtuelle Rundgänge u.a. umgestiegen). Diese Dritten Orte (Museen, Opernhäuser u.a.) sind meist nicht nur ästhetische Preziosen, urbane Visitenkarten, sie sind auch und gerade für das soziale Leben einer Stadt/einer Region unverzichtbar. Dies ist künftig umso wichtiger, da bisherige Treiber von Frequenz in Innenstädten (etwa der stationäre Handel) stark an Gewicht verlieren und neue soziale Ankerorte erforderlich sind. Kulturelle Orte gehören somit zur kritischen Infrastruktur unserer Gesellschaft.

Tourismus und Kultur an einem Standort sind Geschwister – und wie bei diesen ist das Zusammenleben nicht immer friktionsfrei. Umso wichtiger ist gerade jetzt, mit dem Ausblick auf einen touristischen Neustart in den nächsten Monaten, eine neue Komplizenschaft zwischen den Akteuren. Denn klar ist: der (Städte-)Tourismus nach Corona wird nicht derselbe sein wie der vor Corona. Und diese Entwicklung verlangt ein neues Betriebssystem an den Standorten, neue Allianzen, neue Kooperations-Formate usf., mithin eine Re-Vision:

  • Destinations-Management der Zukunft versteht sich, das war ja schon vor Corona in Ansätzen zu sehen, mehr denn je als integriertes Standort-Management und damit als gemeinsame Entwicklung von Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Tourismus unter der jeweiligen Marke (=Identität). Binnen-Prozesse sind vorerst wichtiger als Außendarstellung, das Drinnen wird in der Transformationsphase wichtiger als das Draußen, die Stärkung lokaler Communities hat vorerst Priorität.

  • Place ist wichtiger als Space, analoge Orte gewinnen – gerade bei fortschreitender Virtualisierung – künftig an Bedeutung. Kulturelle Orte stiften nicht nur Identität und Inspiration, sondern auch soziale Nähe. Menschen sind soziale Tiere – sie brauchen die physische Begegnung, die emotionale Berührung. Kultur-Events sind von essentieller Bedeutung für eine lebendige, pulsierende Gesellschaft (und auch zentrale Marketing-Instrumente für Destinationen). Diese Events sind – in derselben Intensität – nicht durch virtuelle Gigs ersetzbar, sie werden daher – nach überstandener Pandemie – kraftvoll analog wieder auferstehen.

  • Kreativität = Resilienz: Standorte, die ihre kreativen und kulturellen Ressourcen pflegen, sind zukunftsrobust. Gerade Künstler und Kreative, gewohnt mit prekären Lebenslagen umzugehen, zeigen der Gesellschaft neue Perspektiven und neue Möglichkeitsräume in der Krise auf – positive Zukunftsbilder brauchen wir aktuell mehr denn je. Standorte sollten jetzt – in smarten Formaten (Hackathons u.a.) – die Innovationskraft der K&K-Szenen nutzen und neue Synergien zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und den Kreativen generieren.

Ich beschäftige mich leidenschaftlich mit der Zukunft als Möglichkeitsraum. Ende 1996 gründete ich das ZTB Zukunftsbüro in Wien. Als Zukunftsforscher berate ich Unternehmen, Destinationen, Kommunen, den Öffentlichen Sektor sowie Organisationen in strategischen Zukunftsfragen, bei Positionierung und markenkonformer Produkt-Entwicklung. Als Key Note Speaker bin ich bei internationalen Kongressen und Tagungen im Einsatz, zudem bin ich Lehrbeauftragter für Trends und Innovations-Management.

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