Nature Pleasure – Trend und Chance der Krise?

Im Tagesrhythmus erreichen uns derzeit Meldungen, wonach bundesweit Wanderwege wegen Überfüllung gesperrt oder der Zugang zu ihnen reglementiert werden muss. Mitunter wird von Kontrollen auf eingehaltenen Mindestabstand zwischen Wanderern durch die Vollzugsbehörden an Gipfelkreuzen berichtet. Was passiert hier gerade? Haben wir in Deutschland in Corona-Zeiten plötzlich die Natur, das Draußen-Sein, wiederentdeckt?

Eigentlich ist das Gehen zu Fuß ja so alt wie die Menschheit selbst, und nein, an der steigenden Nachfrage nach Wanderangeboten ist zunächst nichts Neues: das erleben wir in den deutschen Regionen (und darüber hinaus) bereits seit einigen Jahren. Insgesamt können gerade die deutschen Regionen auf eine Zeit intensiver Qualitätsverbesserungen im Wanderangebot (insbesondere bei Wanderwegen, aber auch in der gesamten wandertouristischen Infrastruktur) zurückblicken und verzeichneten in der Regel in der jüngeren Vergangenheit stetig steigende Nutzerzahlen.

Dennoch: war der aktuelle Boom nach Bewegung draußen in dieser Intensität absehbar? Bereits in den vergangenen Jahren bekannte sich gut zwei Drittel der Deutschen zum (mehr oder weniger regelmäßigen) Wandern, und es waren stets die zentralen Motive „die Natur erleben“ und „sich bewegen, aktiv sein“, die die Menschen dazu motivierten.


Quelle: © Arbeitsgruppe Wandermonitor 2015-2019, www.wandermonitor.de

Steigt man allerdings etwas tiefer in die Daten ein, so ist das aktuelle Geschehen doch gar nicht so überraschend: „Etwas für die Gesundheit tun“, „frische Kraft sammeln“, „den Alltag vergessen“ sind die wichtigsten nachgelagerten Motive der vergangenen Jahre, deren Bedeutung sukzessive stieg. Das Wandern, das Gehen zu Fuß ist damit derzeit unser zentrales Ventil: wir entkommen so auf Zeit der mitunter beklemmenden Enge unserer Wohnung, in der wir plötzlich ja nicht nur „wohnen“, sondern auch arbeiten, unsere Kinder beschulen und im Grunde unser gesamtes soziales Leben konzentrieren. In den letzten Jahren betrug die durchschnittliche Gruppengröße bei den Wanderungen der Deutschen übrigens: 2 Personen.

Auch hinsichtlich der langsam absehbaren schrittweisen, vorsichtigen Rückkehr zu einer gewissen Normalität dürfen wir davon ausgehen, dass wir Draußen-Sein als den zentralen Gegenpol zur nicht nur räumlichen Enge der eigenen Wohnung beibehalten werden: das Wandern im regionalen Umfeld (im Tagesausflugsradius) ist unser Mittel der Wahl zur Stärkung unserer physischen und psychischen Fitness.

Hier schlummern neue touristische Chancen für die terra incognita vor unserer Haustür: wir entdecken unsere Regionen, unsere Heimaten wieder neu.

Ich bin wissenschaftlicher Leiter bei PROJECT M und leite das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes. Seit über 25 Jahren erforsche und analysiere ich wesentliche Steuerfaktoren touristischer Märkte und die jeweiligen Marktstrukturen. Parallel zu meiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Professor für Destinationsmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften bin ich als Berater und Referent in der touristischen Unternehmensberatung engagiert. Mein Antrieb sind praxisrelevante Fakten und Sachlichkeit.

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