„Der Neustart des Tourismus braucht einen Plan!“ – Tobias Woitendorf im Gespräch

Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V. hat gemeinsam mit dem DEHOGA Mecklenburg-Vorpommern und unter fachlicher Begleitung der PROJECT M GmbH eine detailierte Lösungsskizze für den Neustart des Tourismus erarbeitet. Diese wurde der Staatskanzlei sowie dem Wirtschaftsministerium in Schwerin am Montag übergeben. „Der Gesundheitsschutz steht auch hierbei für uns immer an vorderster Stelle,“ unterstreicht Tobias Woitendorf, Geschäftsführer des Tourismusverbands Mecklenburg-Vorpommern e.V. Wie es für Mecklenburg-Vorpommern und alle Destinationen in Deutschland weitergehen kann? Hierzu waren wir mit Tobias Woitendorf im Gespräch.

TP: Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern hat als erster Landestourismusverband heute mit „Tourismus in und nach der Corona-Krise – Lösungsskizze für einen Neustart in MV“ einen konkreten Plan zur Wiederaufnahme des Tourismus veröffentlicht. Welche Entwicklungen erwarten Sie für den Tourismus in den kommenden Tagen und Wochen und wie bereitet sich Mecklenburg-Vorpommern darauf vor?

TW: In Mecklenburg-Vorpommern haben wir in der aktuellen Situation eine ganz besondere Betroffenheit. Denn die Abhängigkeit vom und die Wertschöpfung durch den Tourismus ist enorm groß. Auf 1.000 Einwohner kommen in der touristischen Gesamtrechnung mehr als 33.000 Gästeübernachtungen. Zwölf Prozent der Bruttowertschöpfung wurden bislang durch Tourismus erwirtschaftet. Etwa jeder fünfte Beschäftigte ist in der Tourismuswirtschaft tätig. Aus der Verzweigung der Wertschöpfungsketten der Tourismuswirtschaft mit anderen Bereichen resultieren Wechselwirkungen und gegenseitige Abhängigkeiten in Größenordnungen, die weit über die Einzelbedeutung des Tourismus hinausgehen.

Deshalb haben wir uns natürlich sehr schnell und sehr tiefgehende Gedanken gemacht, wie diese Schlüsselbranche für Mecklenburg-Vorpommern wieder anlaufen kann. Denn die Vielzahl von Umfragen und täglichen Lagebildern zeigt auch, wie sich die Lage der Unternehmen im Tourismus zunehmend verschärft und für viele Betriebe die Luft dünn wird.

Der Tourismusverband ist dabei in der Rolle, die Vielzahl der Einzelaktivitäten im Land zu konzertieren. Mit dem veröffentlichten Papier bringen wir diese Konzertierung jetzt in die weitere politische Diskussion ein.

TP: Sie legen dem Plan das 4-Phasen-Modell zugrunde. Warum ist eine schrittweise Öffnung des Tourismus nach diesen 4-Phasen aus Ihrer Sicht so wichtig und was muss dabei im Besonderen beachtet werden?

TW: Die Wiederöffnung des Tourismus und Entscheidungen hierzu können nicht solitär nur für unsere Branche betrachtet werden. Richtig ist die Bewertung der Gesamtsituation, also auch virologische, politische, gesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche Aspekte in Entscheidungen einzubeziehen und auf dieser Grundlage mögliche nächste Schritte vorzudenken, die richtig und wichtig sein können. Dies haben wir auch für unser Papier als Grundsätze festgelegt und uns dabei auch professionell beraten lassen.

Bei Wiederöffnung des Tourismus müssen wir insbesondere darauf achten, dass durch die Lockerungsmaßnahmen für die Branche ein Rückfall in ein nicht kontrollierbares Infektionsgeschehen vermieden wird – denn eine erneute Verschärfung der Maßnahmen wäre der Supergau für den Tourismus und die Wirtschaft insgesamt. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, insbesondere dort zu lockern, wo auch Wertschöpfung entstehen kann. Nur so macht das Wiedereinsetzen des Tourismus auch ökonomisch Sinn. So wird es ein stetiger Balanceakt von Gesundheitsschutz und wirtschaftlichem Aufschwung.

Aktuell kommen wir jedoch aus einer wirtschaftlichen Vollbremsung. Der Tourismus kam von einem auf den anderen Tag vollständig zum Erliegen. Diese Vollbremsung war auch erst einmal sehr wichtig und hat zu der guten Situation geführt, dass wir in Deutschland bisher keine Überlastungen des Gesundheitssystems wie in vielen anderen Ländern haben. Natürlich kann nach einer solchen Vollbremsung jedoch der Tourismus auch nicht sofort wieder vollumfänglich aufgenommen werden. Um weiterhin sicher agieren zu können, muss der Tourismus unter der Maßgabe geltender Schutzmaßnahmen und Hygienebedingungen sukzessive wieder anlaufen. Wir müssen einerseits die allgemeinen Verfügungen des Gesundheitsschutzes konsequent umsetzen und andererseits durch schrittweises Wiederanlaufen die Überprüfbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Wirkung von Einzelmaßnahmen sicherstellen. Nur so können wir daraus lernen und gegebenenfalls entgegensteuern.

Hieraus kann auch so etwas wie eine Positivliste – also was funktioniert und kann auch in die Umsetzung der Phasen in anderen Ländern übertragen werden – entstehen. Aber natürlich müssen wir auch eine Negativliste – also was kann absehbar noch nicht wieder anlaufen, z.B. Open-Air-Konzerte mit Stehplätzen oder Vergleichbares, wo Mindestabstände nicht realistisch umgesetzt werden können – erstellen. Die Tourismusbranche braucht vor allem Planbarkeit. Dazu gehört auch zu sagen, was geht und was noch nicht geht.

Wir müssen auch jene Personengruppen identifizieren, die zum Reisen überhaupt in Frage kommen und diesen die Möglichkeit hierzu eingeräumt werden kann. Risikogruppen agieren gegebenenfalls mit selbstverordneter oder auch auferlegter Vorsicht. Es gilt, den Markt genau zu betrachten und Markt und Angebotsbereiche in einem sinnvollen Modell in Übereinstimmung zu bringen. Denn Tourismus ist ad-hoc-Geschäft und Planung zugleich. Letztere sorgt für die erforderliche Sicherheit für die Leistungsanbieter. Wir müssen alle Maßnahmen und Entscheidungen sorgfältig abwägen und regelmäßig evaluieren. Denn eine erneute Verschärfung gilt es, wie aufgezeigt, unbedingt zu vermeiden.

TP: Wie stellen Sie mit Ihrem Plan sicher, dass aktuelle Entwicklungen, z.B. die Vermeidung eines Wiedererstarkens der Virusverbreitung in der Umsetzung berücksichtigt werden können?

TW: Der erarbeitete Plan ist unser Angebot für die weitere Diskussion. Hierfür brauchen wir ein Expertengremium, das ebenfalls interdisziplinär aus Ordnungspolitik, Gesundheitsexperten, und Wirtschaft gemeinsam besetzt ist, die touristischen Erfordernisse beinhaltet aber auch darüber hinaus geht und immer den Gesamtkontext betrachtet. Gleichzeitig wollen wir als Tourismusverband keine Sonderwege für einzelne Länder erwirken, sondern es bedarf eines abgestimmten Vorgehens auf der Bundesebene. Entsprechend der jeweiligen regionalen Voraussetzungen können dabei selbstverständlich Differenzierungen im Vorgehen zum Beispiel hinsichtlich möglicher Angebotsöffnungen vorgenommen werden.

Unser Papier soll den Anstoß für diese Arbeit geben. Eine Detaillierung über die Phase 1a „Schrittweise Lockerungen“ hinaus ist aktuell aus unserer Sicht nicht seriös leistbar. Die weiteren Entwicklungen für die Phasen 1b bis 3 werden sich jedoch mit zunehmendem Verlauf immer klarer abzeichnen. Deshalb ist unsere Ausarbeitung auch als sogenanntes Living Paper angelegt. Hierdurch können wir jederzeit die nächsten Schritte vorausdenken und vorbereiten. Nach der Konferenz der Ministerpräsidenten am 15. April 2020 wollen wir schnell in die Handlungsfähigkeit kommen. Auch hierfür muss die Flexibilität im Prozess und im Handlungsplan angelegt sein.

TP: Wie wird sich der Tourismus in durch die aktuelle Situation aus Ihrer heutigen Sicht mittelfristig und vielleicht auf langfristig verändern?

TW: Natürlich ist der Blick in die Zukunft des Tourismus aktuell immer auch ein Blick in die Glaskugel. Mutmaßlich werden uns die momentanen Entwicklungen noch lange beschäftigen. Ich habe jedoch die berechtigte Hoffnung, dass aus der aktuellen Situation auch Gutes erwachsen und bleiben wird. Möglicherweise gibt die jetzige Situation dem Deutschlandtourismus den schon lange erforderlichen Digitalisierungsschub. Reisen wird dabei auch zukünftig das Treffen von Menschen, die Begegnung und das Kennenlernen neuer Orte sein. Vielleicht werden die Entwicklung nach Jahren des immer schnelleren Konsums bereits bestehende Trends hin zu bewussterem Reisen – vielleicht nicht mehr so oft, vielleicht aufmerksamer, vielleicht naturnäher und auch individueller – noch einmal deutlich verstärken. Aspekte wie Sicherheit und Gesundheitsschutz werden vielleicht in Zukunft als Parameter der Reiseentscheidung an Bedeutung gewinnen. Ob sich das Wertegerüst der Menschen insgesamt ändern wird, wird sicher auch davon abhängen, wie lange uns die Krise noch begleiten wird.

Gleichzeitig möchte ich jedoch auch davor warnen, jetzt automatisch von einer Hochkonjunktur der Deutschlandtourismus nach dessen Wiederaufnahme auszugehen. Denn auch zukünftig muss ein starkes touristisches Produkt den Gast überzeugen und daran gilt es jetzt ebenfalls aktiv zu arbeiten und dieses den veränderten Gegebenheiten auch anpassen. Einschränkungen der Bewegungsfreiheit könnten zunächst für positive Effekte im Deutschlandtourismus sorgen. Doch wenn die Welt sich wieder öffnet, müssen die Qualitäten im Deutschlandtourismus wieder umso mehr überzeugen!

TP: Vielen Dank für das gute Gespräch, Herr Woitendorf. Und bleiben Sie bitte gesund!

Ich bin Bereichsleiter für Destinationsmanagement bei der PROJECT M GmbH in München. Interkommunale touristische Kooperationen und die Entwicklung touristischer Destinationen in ländlichen Räumen gehören zu meinen Schwerpunkten. Gelungene Destinationsentwicklung dient zuallererst der einheimischen Bevölkerung und den ortsansässigen Unternehmen aller Branchen. Damit gestalten wir die Zukunft und Lebensqualität in unseren Orten, Städten und Regionen. Das treibt mich an.

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