Der Recovery-Check: Der lange Weg zur vollständigen Erholung

Schneller Aufschwung oder quälend lange Restriktionen? Die Wiederbelebung des touristischen Marktes in Deutschland ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes macht sich daran, das Unbekannte Schritt für Schritt zu erforschen. Aktueller Erkenntnistand: wahrscheinlich erleben wir ab September 2020 eine erste spürbare Belebung des touristischen Geschäfts, schlimmstenfalls dauert es aber bis Herbst 2023, bis sich der Markt vollständig erholt hat. Was hinter den Zahlen steckt.

Die schlechte Nachricht vorab. Auch das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes hat derzeit keinen abschließenden Fahrplan für die vollständige Erholung des deutschen Tourismusmarktes. Schlimmstenfalls wird es wohl erst im Herbst 2023 soweit sein, in Teilsegmenten sogar noch einmal deutlich später.

Die positive Nachricht: Wenn es gut läuft, erholt sich der Markt deutlich früher. Schon von Mai 2020 rechnen wir aktuell mit einer sehr vorsichtigen Erholung des touristischen Geschäfts. Und wenn es richtig gut läuft, dann ist schon im September 2021 wieder das Umsatzniveau des Jahres 2019 erreicht. Und diese Nachricht bilden wir uns künftig regelmäßig neu.

Der neue Recovery-Check des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes ist keine statische Studie. Regelmäßig wird er aktualisiert. Drei Szenarien (von optimistisch bis pessimistisch) und vier Stufen der Erholung (vom Shutdown bis zur vollständigen Normalisierung) haben wir in unserem Recovery-Check abgebildet.

Hinter diesen Szenarien steht ein komplexer Algorithmus. Wir berechnen die Folgen von Reiseeinschränken, bilden verändertes Nachfrageverhalten und schlimmstenfalls die Aufgabe einzelner Marktteilnehmer ab. Diese Annahmen passen wir an und validieren sie mit Experten. Die erste Stufe unseres Recovery-Checks ist mit unserem Fachbeirat abgestimmt. Relevante Verbände und Ministerien haben sich mit unserer Methodik befasst und ihre Einschätzung gegeben.

In künftigen Stufen des Recovery-Checks wird das Panel erweitert, die Variablen neu bestimmt und gewichtet. Wir alle wünschen uns, dass sich unsere Zeitreihen und die ebenso prognostizierten Umsatzeinbrüche zum positiven wenden. Aber beschönigen können wir das nicht. Am 9. April sah das Erholungs-Szenario für die deutsche Tourismuswirtschaft folgendermaßen aus:

Die Wahrheit mag in der Mitte liegen. Just dort, wo wir im Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes am 9. April 2020 das realistisches Szenario skizziert haben. So Mitte Mai der Shutdown endet, können wir in einer Phase der Lockerung auch der Reisebeschränkungen mit gebuchten Umsätzen in Höhe von rund 35 Prozent des Vorjahresniveau ausgehen.

Im Herbst könnte es in diesem Szenario in die Belebungsphase gehen. 50 Prozent des Vorjahresumsatzes sind darin realistisch. Und falls pünktlich zum Sommer 2021 Reisebeschränkungen wegefallen, kann die Normalisierung des Geschäfts beginnen. Doch der Abschluss dieser Normalisierungsphase wird dauern, vermutlich bis Juni 2022.

Die Corona-Krise im Zeitverlauf: Frühestens im September 2021 rechnet das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes aktuell mit dem Erreichen der normalen Umsatzniveaus aus 2019. Schlimmstenfalls ist es in der Betrachtung der gesamten Tourismuswirtschaft sogar erst im Jahr 2023 soweit.

So oder so liegt vor der Tourismuswirtschaft in Deutschland und weltweit eine entbehrungsreiche Zeit. Insbesondere für kommerzielle Leistungsanbieter wird die Phase des Durchhaltens andauern, gepaart mit der Herausforderung, sich an ein geändertes Reiseverhalten in allen Phasen der Krise anzupassen und so potentiell gestärkt aus Corona hervorzugehen.

Schrittweise Erholung: Mit Umsatzeinbrüchen im Vergleich zum Basiszeitraum 2019 ist in allen Phasen und Szenarien zu rechnen.

Reisebeschränkungen bleiben uns in unserer Methodik in den Phasen der Lockerung und Belebung erhalten. Doch selbst, wenn die Welt immun gegen Corona geworden ist und die Normalisierung des Reisegeschäfts richtig beginnen kann (realistisch aktuell nicht vor Juni 2021) mag sich das Reiseverhalten ändern. Auch das gilt es weiter zu untersuchen.

Es bedarf einer Bündelung der Kräfte und Kompetenzen, um Lösungskonzepte für alle Erholungsphasen zu entwickeln und voranzutreiben. Das ist seit jeher die Aufgabe des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes, eines starken Partners und Impulsgeber im Kräftefeld zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und freuen uns auf die Dialoge mit Ihnen.

Möchten Sie uns helfen, den Recovery-Check weiter zu fundieren? Per Mail an office@kompetenzzentrum-tourismus.de können Sie sich gern für unser Panel für die weitere Validierung bewerben.

Der Recovery-Check des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes zum Download.
Methodik und zusammenfassende Ergebnisse (pdf, 151 KB)

Die nächste Ausgabe des Recovery-Checks erscheint voraussichtlich in KW 17/2020

Das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes ist ein zentrales Bindeglied zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Energie fördert es Wissenstransfer und die Vernetzung der Tourismuswirtschaft. Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack ist Leiter dieser Einrichtung, Dirk Rogl sein Stellvertreter. PROJECT M ist offizieller Auftragnehmer dieser Einrichtung.

Ich bin wissenschaftlicher Leiter bei PROJECT M und leite das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes. Seit über 25 Jahren erforsche und analysiere ich wesentliche Steuerfaktoren touristischer Märkte und die jeweiligen Marktstrukturen. Parallel zu meiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Professor für Destinationsmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften bin ich als Berater und Referent in der touristischen Unternehmensberatung engagiert. Mein Antrieb sind praxisrelevante Fakten und Sachlichkeit.

Comments

  • Avatar
    Harald Scheer
    14. April 2020

    Wann kann ich mit dem wohnwagen wieder auf dem Campingplatz.

    Reply

Leave a comment