Sommerferien im Herbst?

In Deutschland und europaweit haben alle Destinationen aktuell eines gemeinsam: keine Gäste! Die touristischen Anbieter bringt das in existenzielle Not. Entfallene Umsätze können nicht nachgeholt werden. In der Corona-Krise findet der Urlaub bislang zuhause statt. Und mit Blick auf unser Phasenmodell zur Öffnung des Tourismus und die Ergebnisse der aktuellen Umfrage ist dies auch für die Sommerferien zu erwarten. Denn viele Urlauber würden jetzt ihren Sommer planen. Doch die Frage ist: Kann dieser überhaupt stattfinden? Und wenn ja, wann?

Fehlende Planbarkeit für Sommerurlaub

Durch Ausgangs- und strenge Reisebeschränkungen in der Corona-Krise sind Ausflüge und Urlaube innerhalb Deutschlands sowie Urlaubstouren in andere Länder aktuell weder durchführbar noch realistisch für die kommenden Wochen planbar. Auch für Einreisende nach Deutschland gilt eine zweiwöchige Quarantäne.

Wann mit Lockerungen oder gar einer Normalisierung der Situation zu rechnen ist, vermag aktuell niemand zu sagen. Und selbst nach einer Lockerung müssen Reisende mit massiven Einschränkungen rechnen. Auch bei einer schrittweisen Rückkehr nach den vier Phasen zur Öffnung des Tourismus wird die Pandemie den Deutschlandtourismus noch weit bis in den Sommer hinein beschäftigen. Auch in anderen beliebten Reiseländern, wie Spanien oder Italien, werden die Probleme noch lange nicht gelöst sein.

Ein Impfschutz gegen Corona liegt noch nicht vor und wird trotz aller guter Ansätze vermutlich auch noch einige Zeit brauchen.

Sommerferienzeit als Variable

Eine wesentliche Variable, um zumindest einen Teil des wichtigen Sommergeschäfts realisieren zu können und den Menschen in Deutschland auch Urlaub zu ermöglichen, ist deshalb Zeit.

Mit einer Verschiebung der Sommerferien auf einen späteren Zeitraum werden die Chancen gesteigert, dass Urlaub und Reisen in Deutschland bis dahin wieder eingeschränkt möglich sind. Angesichts der massiven Probleme des Tourismus in Deutschland in der Corona-Krise hat der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern initiativ ein einmaliges Verschieben aller Sommerferientermine auf August und September vorgeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt sei anzunehmen, dass mehr Räume für Ferien- und Freizeitgestaltung wieder freigegeben sind als im Juni und Juli, sagte der Geschäftsführer des Landestourismusverbands, Tobias Woitendorf. Es steigen die Chancen, dass bis dahin die heute geltenden strengen Einschränkungen gelockert werden können.

Existenznot für Betriebe und Destinationen

Natürlich gibt es keine Garantie und alles hängt von der Entwicklung der Corona-Pandemie in den kommenden Wochen ab – aber was sind die Alternativen? Der Tourismus ist von Corona so hart getroffen wie kaum eine andere Branche. Das Ostergeschäft ist bereits unwiederbringlich verloren. Alleine für die Monate März und April rechnen Marktforscher mit direkten Umsatzeinbußen im Deutschlandtourismus von ca. 24 Mrd. Euro, Vorleistungen und Anreisekosten nicht eingerechnet!

Fällt auch das Sommergeschäft aus, dürfte das für viele Beherbergungsbetriebe, Gastronomien und andere touristische Dienstleister das Aus bedeuten. Das touristische Angebot und damit auch das Freizeitangebot für Einheimische sowie die Qualität der Destinationen würden auf lange Sicht stark beschädigt.

Möglichkeiten und Perspektiven für eine Verschiebung der Sommerferien

Eine Verschiebung der Sommerferien könnte also einen Teil dieser touristischen Risiken mindern – immer eine Verbesserung der Corona-Ausbreitung und die Einhaltung der dann immer noch erforderlichen Maßnahmen vorausgesetzt.

„Sollte es der Fall sein, dass in den sechs Bundesländern, die im Juni in die Ferien starten sollen (Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein) Reisen zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich ist, könnte aus Sicht des DTV auch eine ausnahmsweise und einmalige Verschiebung der Sommerferien dieser Bundesländer auf einen späteren Zeitpunkt in Betracht gezogen werden.“ unterstützt Norbert Kunz, Geschäftsführer des DTV die Initiative aus Mecklenburg-Vorpommern.

Was auf den ersten Blick vor allem wie eine touristische Maßnahme wirkt, ist gleichzeitig aus einer Vielzahl unterschiedlicher Blickwinkel zu betrachten. „Gerade für Familien ist es in diesem Jahr wichtiger denn je, die Ferien für Urlaub, Erholung und Abstand zum Alltag der letzten Wochen und dann Monate nutzen zu können“, zeigt Norbert Kunz auch einen sozialen und psychologischen Aspekt der denkbaren Maßnahme auf.

Schulische und pädagogische Erfordernisse (Wann kann der jetzt ausfallende Unterreicht nachgeholt werden? Wie und wann können Abschlussprüfungen durchgeführt werden? …) müssen in die Abwägung ebenso einbezogen werden wie medizinisch-virologische Anforderungen (Was passiert, wenn das ganze Land auf einmal verreist? …). Auch infrastrukturelle und Kapazitätsaspekte sind zu berücksichtigen, da aus Mangel an Alternativen und Sicherheitsabwägungen der Reisenden die Zahl der Gäste punktuell und gegenüber Vorjahren auch deutlich ansteigen könnte.

Zahlreiche Varianten einer Verschiebung der Sommerferien sind deshalb denkbar und werden diskutiert:

  • die parallele Verschiebung aller Sommerferienzeiträume der Länder um einige Wochen in den Herbst
  • die länderübergreifende Bündelung aller Sommerferien auf einen gemeinsamen Zeitraum im Herbst
  • die Verlängerung der bestehenden Ferienzeiträume der einzelnen Länder
  • gemeinsame und verkürzte Sommerferien mit Verlegung in den Herbst
  • Verkürzung der Sommerferien in bestehenden Zeiträumen
  • keine Veränderungen

Die Entscheidung bedarf guter Abwägung und einer offenen und ehrlichen politischen Diskussion aller Ländern und Ressorts.

Gemeinsamer Plan für Deutschland statt Einzelmaßnahmen

Klar ist, dass aus touristischer Sicht die Sommerferien stattfinden und Menschen bald möglichst wieder reisen sollen. Auch wenn wir aktuell in vielen Entscheidungen auf Sicht fahren müssen: für die Zukunft des Deutschlandtourismus ist es wichtig, schnellstmöglich verbindliche Entscheidungen für die Sommerferien 2020 zu treffen.

Denn potenzielle Gäste brauchen einen Planungshorizont und Planungssicherheit – trotz aller weiterhin bestehender Unwägbarkeiten. Die touristischen Anbieter und Destinationen müssen sich flexibel, medizinisch verantwortungsvoll und dennoch organisierbar und wirtschaftlich auf die hoffentlich kommende Sommersaison einstellen und vorbereiten.

Bis Anfang Mai sollte deshalb ein gemeinsamer und aufeinander abgestimmter Plan aller Länder verbindlich vereinbart sein, auf den sich die Branche einstellen kann. Dann bleiben Anbietern und Destinationen noch acht Wochen Zeit, um noch vor dem bisherigen Start der Sommerferien in Mecklenburg-Vorpommern am 22. Juni reagieren, alles vorzubereiten und wo erforderlich nachsteuern zu können.

Auch wenn sich das Coronavirus am Ende vielleicht nicht an diesen Plan hält.

Ich bin Bereichsleiter für Destinationsmanagement bei der PROJECT M GmbH in München. Interkommunale touristische Kooperationen und die Entwicklung touristischer Destinationen in ländlichen Räumen gehören zu meinen Schwerpunkten. Gelungene Destinationsentwicklung dient zuallererst der einheimischen Bevölkerung und den ortsansässigen Unternehmen aller Branchen. Damit gestalten wir die Zukunft und Lebensqualität in unseren Orten, Städten und Regionen. Das treibt mich an.

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