Nature Pleasure kommt vor Socio Pleasure – Warum der Städte-Tourismus länger für die Erholung braucht

Keine Branche wurde – weltweit – derart stillgelegt wie der Tourismus: vom Over-Tourism zum Zero-Tourism. Der Restart erfordert daher gerade von Destinationen differenzierte Strategien. Egal welche der volkswirtschaftlichen Prognosen wir hernehmen – das Institut für Weltwirtschaft erwartet einen BIP-Rückgang für Deutschland zwischen 4,5 und 8,7 Prozent, das Ifo prognostiziert (je nach Länge des Stillstands) einen Absturz zwischen 7,2 bis 20,6 Prozent – der Tourismus wird noch länger nicht im Vollbetrieb sein.

Ich sehe – im besten Fall – ein schrittweises touristisches Re-Opening im Sommer. Zuerst werden sich die Naherholungs-Destinationen öffnen: die Menschen (insbesondere in den Städten) haben in diesen Wochen der Isolation und eingezwängt in ihre Wohnungen gewaltige Sehnsüchte aufgebaut – nach Freiraum, nach Natur, aber auch nach physischen Kontakten, nach einem sozialen Miteinander. Da wir noch länger mit massiven Abstands- und Hygieneregeln konfrontiert sein werden, da ein Crowding, eine größere Menschenansammlung auf längere Zeit hin Tabu sein wird, steht als erstes der Kurztrip in die umliegende Natur, das Naturerlebnis bei touristischen Aktivitäten im Vordergrund. Nature Pleasure kommt vor Socio Pleasure. Slow vor Fast. Regional vor international.

Der Städte-Tourismus hingegen, der Wachstumstreiber der letzten Jahre, wird noch bis weit in den Herbst hinein mit seiner Selbstheilung beschäftigt sein. Zum einen liegt all das, was die Faszination unserer Städte ausmacht: Kultur, Clubs, Gastronomie, Event-Industrie usf… derzeit völlig am Boden. Viele kulturellen Institutionen werden den Shutdown (wenn dann) nur mit gewaltigen Schrammen überleben, andere wieder werden mit ungeahnter Kreativität aus dem Boden schießen – die Urban Recovery aber wird zu einem Kraftakt. Ein Museum kann man ja notfalls im 5-Minuten-Takt (Distancing) durchlaufen, aber ein Clubbing mit 1,5m Abstand?

Zudem ist gerade der Städtetourismus abhängig von derzeit schwer einschätzbaren internationalen Entwicklungen (Entwicklung in den Quellmärkten, Grenzöffnungen, Airline-Verbindungen usf.) – im internationalen Städtetourismus (inkl. MICE) sehe ich daher eine allmähliche Erholung nicht vor 2021. Das bedeutet: städtetouristische Akteure (allen voran die Hotellerie) kommen umso mehr in die Bredouille, je abhängiger die Destination von großen Quellmärkten wie USA und China oder andere durch Covid-19 massiv geschlagene Länder wie Italien, Spanien etc. ist. Für Wien etwa prognostiziert das WIFO ein Nächtigungsminus für 2020 zwischen 35% und 39% – eine m.A.n. viel zu vorsichtige Studie, weil sie die zu erwartenden ökonomischen Verwerfungen in Europa nicht einpreist. Eine Städtereise ist eine Zweit-/Drittreise, auf die man in Krisenzeiten am ehesten verzichtet.

Besonders leiden werden aber die globalen touristischen Hubs, die First Cities wie Bangkok, Singapur, New York etc. – kurzfristig, um in 1-2 Jahren, das zeigen uns alle bisherigen Krisenmuster, stärker denn je zu werden. In Europa werden wir einen Systemwechsel im Städtetourismus erleben – all die Destinationen, die vorwiegend von Low Cost Airlines bespielt wurden, also übertouristifiziert waren, müssen ihr Geschäftsmodell überdenken. Klasse statt Masse, Premium statt Low Budget. Die Billigflieger werden ihre Destinations-Netze ausdünnen, viele taumelten ja schon vor der Krise, die Konzentration dreht den Markt.

Krisen beschleunigen immer das Neue, erzwingen einen raschen Systemwandel, wie er unter normalen Bedingungen nicht möglich wäre. Auch und gerade im (Städte-)Tourismus. Mikro-Erlebnisse, immersive Erfahrungen abseits der Crowd – das waren die ersten Vorboten einer alerten, achtsamen Reise-Generation, die resiliente touristische Narrative einfordert. Formate wie Airbnb, Billig-Airlines u.a. werden zusammengestutzt – es kommt die Ära des Balanced Tourism: eine neue Balance zwischen Unternehmen & Gesellschaft, Ressourcen & Erfahrungen, Einheimischen & Touristen.

Ich beschäftige mich leidenschaftlich mit der Zukunft als Möglichkeitsraum. Ende 1996 gründete ich das ZTB Zukunftsbüro in Wien. Als Zukunftsforscher berate ich Unternehmen, Destinationen, Kommunen, den Öffentlichen Sektor sowie Organisationen in strategischen Zukunftsfragen, bei Positionierung und markenkonformer Produkt-Entwicklung. Als Key Note Speaker bin ich bei internationalen Kongressen und Tagungen im Einsatz, zudem bin ich Lehrbeauftragter für Trends und Innovations-Management.

Comments

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    Andreas Braun
    8. April 2020

    Kurz, knackig, spannend.
    Kluge Analyse!
    Und, ja doch, die Folgen werden am Ende nicht alle verheerend sein.

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